Jahresbilanz : Berliner Feuerwehr: Mehr Einsätze, wenig Personal

Mehr Einsätze bei kürzeren Reaktionszeiten: Berliner Feuerwehr kämpft mit hoher Belastung.

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Die Feuerwehr will mehr Stellen schaffen.
Die Feuerwehr will mehr Stellen schaffen.Foto: Paul Zinken/dpa

Bei der Vorstellung des Jahresberichts 2016 der Berliner Feuerwehr blickte Landesbranddirektor Wilfried Gräfling auf ein anstrengendes Jahr 2016 zurück. Innensenator Andreas Geisel verspricht im Gegenzug mehr Personal, überfällige Beförderungen und höhere Gehälter in den kommenden Jahren.

Mehr Einsätze

Um mehr als 50 Prozent ist die Anzahl der Rettungseinsätze in den vergangenen zehn Jahren gestiegen – alleine im vergangen Jahr waren es 11.343 Einsätze mehr als 2015. Das bedeutet eine Steigerung von über zehn Prozent. Dieser Zuwachs ist einem drastischen Anstieg an Rettungseinsätzen geschuldet, die sich nicht alleine mit dem Bevölkerungsanstieg erklären lassen: Gräfling appelliert, die ambulante Versorgung etwa durch Hausärzte zu verbessern, damit Patienten nicht erst in die Notlage kommen, in der ein Krankenwagen gerufen werden muss. Außerdem werde mittlerweile auch bei nichtigen Anlässen die Ambulanz gerufen, kritisiert er. Insgesamt 454.143 mal rückte die Feuerwehr aus, davon waren 82,4 Prozent Rettungseinsätze, nur 1,6 Prozent waren Brandeinsätze.

Zeitdruck

Dabei gelang es der Feuerwehr, die Zeit von der Annahme des Notrufs bis zur Ankunft am Einsatzort sogar zu senken – trotz des zunehmenden Verkehrs in der Stadt. Durchschnittlich benötigten die Einsatzkräfte 9,36 Minuten, um bei einem Brand vor Ort zu sein; bei Rettungseinsätzen waren es 9,54 Minuten. Das ist eine geringfügige Verkürzung gegenüber 2015, wo die Ausrückzeiten bei jeweils 9,41 respektive 9,63 Minuten lagen.

Zu wenig Personal

Diese Leistung ist in erster Linie dem Einsatz des Personals geschuldet. Die Zahl der Angestellten im Rettungseinsatz ist im vergangenen Jahr nur geringfügig gestiegen: Rund 3217 Angestellte hat die Feuerwehr im Einsatzdienst, das sind 92 mehr als im Vorjahr. Ausstattung, um die zusätzlichen Einsätze zu bedienen, wäre genügend vorhanden: Teilweise blieben Einsatzwagen unbesetzt, weil Einsatzkräfte fehlten.

Nachwuchsmangel

348 neue Stellen sollen bei der Feuerwehr innerhalb der kommenden zwei Jahre geschaffen werden. Dazu kommen 200 Stellen, die zurzeit mit eingeschränkt einsatzfähigen Feuerwehrmännern und -frauen besetzt sind. Diese sollen umgeschult und in den Verwaltungsdienst –teilweise außerhalb der Feuerwehr– versetzt werden. Diese 200 Stellen müssen ebenfalls mit einsatzfähigen Rettern besetzt werden. Dabei kämpft die Feuerwehr wie alle anderen Berliner Betriebe mit einem Mangel an Auszubildenden. Ein weiteres X in der Gleichung ist der Standort Tegel: Dort soll die Berliner Feuerwehr- und Rettungsakademie ihren neuen, erweiterten Standort eröffnen, denn der alte Standort in Schulzendorf platzt angesichts wachsender Auszubildendenjahrgänge aus allen Nähten.

Überstunden und Stress

Der Einsatz am Breitscheidplatz war mit Abstand der schwierigste Einsatz im Jahresrückblick auf 2016. Neben viel Lob für die 240 eingesetzten Retter äußerte Gräfling auch Bedauern für die Feuerwehrmänner und -frauen, die sich über ein halbes Jahr nach dem Einsatz immer noch in psychologischer Betreuung befinden. Auch im täglichen Einsatz ist die Berliner Feuerwehr psychischen Belastungen und Übergriffen ausgesetzt. Zwar gibt es dazu keine offiziellen Zahlen, denn die Dunkelziffer sei vermutlich so hoch, dass die Zahl der gemeldeten Kräfte wenig aussagekräftig sei. Der Feuerwehrchef erkannte das Problem an und wies auf Deeskalationsschulungen für Rettungskräfte hin.

Scharfe Kritik erntete Landesbrandmeister Gräfling vom Personalrat: Die drastisch angestiegene Zahl der Einsätze bei etwa gleichbleibendem Personalniveau sei nur durch Überstunden möglich, die wiederum zu erhöhten Krankenständen führten. Gräfling räumte ein, dass es zwar Überstunden gebe, dass er zu den Krankenständen aber keine Zahlen habe. Er zeigte sich zuversichtlich, dass diese Missstände durch Neueinstellungen behoben werden können.

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