Berlin : Jahrestagung der Schönheitschirurgen: Das Normgesicht ist nicht gefragt

Amory Burchard

Woran erkennt man einen Schönheitschirurgen? Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für plastische und Wiederherstellungs-Chirurgie sind die Meinungen unter Kollegen geteilt. "Vielleicht daran, dass sie ein bisschen schöner als wir anderen sind", sagt eine HNO-Ärztin von der Uniklinik in Lübeck, die zwar Missbildungen der Ohrmuscheln korrigiert, nicht aber ästhetische Nasenoperationen vornimmt. Ein junger Mediziner, der sich der Wiederherstellungs-Chrirurgie nach schweren Unfällen verschrieben hat, behauptet mit einem strahlenden Lächeln das Gegenteil: "Sie machen ihrem Namen in der Regel keine Ehre."

Kaffeepause im Lehrgebäude des Rudolf-Virchow-Klinikums der Charité, kleine Sticheleien unter Kollegen - Abel-Jan Tasman kennt das. Als "Pille-Palle-Chirurgen" seien die Operateure, die vor allem kosmetische Eingriffe machen, lange verschrien gewesen. Aber die Akzeptanz für Schönheitsoperationen wachse und damit das Ansehen der Fachrichtung, die mittlerweile auch sehr viel wissenschaftlicher arbeite. Tasman, Oberarzt an der Universitätsklinik Heidelberg, stellt bei der Jahrestagung eine Studie über den Zusammenhang zwischen der subjektiven Wahrnehmung und den tatsächlichen kosmetischen Defekten und Ergebnissen der Operationen vor. "Der größte Effekt liegt oft außerhalb dessen, was man an der Nase macht", sagt Tasman. Menschen, die ein halben Leben lang unter einem Nasenhöcker oder einem fliehenden Kinn gelitten haben, bekämen nach der Korrektur einen "Schub des Selbstbewusstseins".

Auch die Frage nach der Schönheit einer Nase werde heute sehr viel differenzierter beantwortet als noch vor zehn Jahren. Die typische Denver-Clan-Nase, die für den Laien als "operiert" zu erkennen ist, werde heute nicht mehr gemacht. Von der Verkleinerung, Verniedlichung sei die plastische Chirurgie heute zur "Harmonisierung" gekommen.

Schönheitsideal? Der leitende Oberarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am FU-Klinikum Benjamin Franklin nimmt es persönlich. "Meinen Sie, ich sollte mir Haar transplantieren lassen?", fragt Jürgen Ervens zurück. Er steht zu seinem spärlichen Haar - und kompensiert es mit einem bis zu den Nasenflügeln hochgezwirbelten Schnurrbart und einer rosaroten Seidenkrawatte. Ervens gehört auch nicht zu den "Schönheits"-Chirurgen, die in der U-Bahn potentielle Klienten entdecken. Er rede Patienten, die mit Nasen- oder Ohrenform unzufrieden seien, auch schon mal eine Operation aus: Menschen, die einem Schönheitsideal nacheifern, sich nach einem Normgesicht sehnen, liefen Gefahr, ihre Individualität zu verlieren. Für Frauen hat Ervens das Beispiel Cindy Crawford parat: Das US-amerikanische Model lebt nicht nur mit einem Muttermal auf der Oberlippe - sie hat es sogar hoch versichert. Oder der Schaupieler Dominique Horwitz: "Der würde sich nie die Ohren anlegen lassen - das gehört zu ihm."

Unfallchirurgen, die nach Hundebissen versuchen, Gesichter so wiederherzustellen, dass sich die Opfer im Spiegel wiedererkennen, bleiben skeptisch. Kosmetische Eingriffe, sagt Ewald Hüls vom Städtischen Krankenhaus Celle, können auch einer Körperverletzung gleichkommen. Er denkt an einen Fall wie Michael Jackson.

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