Berlin : Jaime Tadeo Mikan (Geb. 1962)

Als es Frühling wird, lernt er die Heiße-Kartoffel- Sprache.

Kerstin Decker

Wenn es nur nicht so langweilig wäre. Und wenn er einmal den richtigen Einsatz treffen würde, so zu wüten oder zu jubeln wie die anderen. Vater und Bruder treffen ihn immer. Welch ein Ausbruch der Uraffekte ringsum! Das fasziniert ihn doch. Das entschädigt für die Langeweile. Er spürt eine Kraft, die über jeden Einzelnen und alle zusammen hinausgeht. Bloß den Anlass versteht er nie. Ein Ball.

Unmöglich, immer Nein zu sagen, wenn Bruder und Vater zum Fußball gehen. Ein ganz normaler kolumbianischer Junge geht zum Fußball, und Jaime Tadeo Mikan aus Bogota will sehr gern ein ganz normaler kolumbianischer Junge sein. Es gibt Menschen, nicht viele wohl, die kommen schon mit der Gewissheit zur Welt, dass der Sinn ihres Daseins darin besteht, anderen eine Freude zu sein. Zu denen gehört er. Und irgendwann sitzt auch Jaime mit einer gewissen Anteilnahme im Stadion, ohne Jubel, ohne Zorn, doch in tiefer stiller Andacht. Seine Blicke haften an den Beinen der Spieler. Die sind schön.

Der Junge aus Bogota studiert Architektur, nicht weil ihn das interessiert, aber wohl, weil man seinen Eltern Freude machen soll. Und sein Vater, der Gewerkschafter, ist stolz auf einen Sohn, der Architektur studiert. Ein guter Architekt würde er werden, denn er war ein sehr guter Schüler gewesen, wenn auch einer mit Schulverweis. So sanft Jaime war: Willkür empörte ihn, seltsam genug, noch mehr als die Unsanften.

War es Selbstmord, war es Mord? Aber Selbstmord – warum? Der Vater ist keine vierzig Jahre alt, als man ihn tot auf dem Kartoffelfeld seines Bruders findet. Gewerkschafter sind in seinem Land beargwöhnt, bestbefeindet, das weiß jeder. Die Welt des Achtzehnjährigen zerspringt von einem Tag auf den anderen. Jaime Tadeo Mikan würde für seinen Vater sämtliche Architekturpreise Kolumbiens gewinnen, wenn ihn das zurückbringen könnte. Aber für wen studiert er jetzt noch dieses Fach? Und Jaime denkt einen seltsamen, ungewohnten Gedanken: Sollte man sein Leben wirklich für andere leben? Oder lebt man nicht dann erst wirklich für andere, wenn man sein eigenes Leben lebt? Wenn der Achtzehnjährige sich dieses Leben vorstellt, das seins sein könnte, so kommt kein Architekt darin vor. Wohl aber einer, der wie die Fußballer in den Stadien seiner Kindheit ist: ganz anwesend in jedem Augenblick, wenn auch nicht, um einen Ball zu treffen. Mit dem Einsatz des ganzen Körpers auch, aber viel weicher in den Bewegungen.

1983. Das kolumbianische Nationalballett ist auf Europatournee. In Budapest trifft der Tänzer Jaime Tadeo Mikan nach der Vorstellung auf einen jungen Mann, der ihn auf Englisch anspricht: Eine große Aufführung! – Danke! Woher kommen Sie? – Deutschland. – Aus welchem Deutschland, aus dem guten? – Nicht wirklich. – Oh, aus Westdeutschland? – Nein, aus der DDR. – Für uns Lateinamerikaner ist Ostdeutschland wie eine Hoffnung!

Sein Gegenüber nickt wohl, macht dazu ein seltsam wissendes, gleichwohl höfliches Gesicht, das sagt anstatt seiner: Hoffnungen trügen, darin besteht ihr Wesen.

Jaime Tadeo Mikan vergisst das Gesicht nicht – es gehört einem jungen Dessauer. Der vergisst den südamerikanischen Tänzer auch nicht. Zurück in Bogota, beschließt Jaime Tadeo Mikan, dass Südamerika viel zu klein ist für einen, der 20 ist. Er sollte sich dieses Dessau einmal ansehen. Er hat eine genaue Vorstellung von Deutschland. Er denkt an blonde Studenten, die Gitarre spielend im Park sitzen. Er denkt an Richard Clayderman und Beethoven und ist nicht ganz sicher, wen er besser findet. Natürlich kennt er das Wort Kindergarten. Das einzige Wort einer Sprache, die sich anhört, als ob sich jemand mit heißen Kartoffeln den Mund verbrennt und sie fluchend ausspuckt. So wird er das beschreiben.

1984. Bis zum Bahnhof Zoo kommt er. Dort erfährt Jaime Tadeo Mikan, dass mitten in der DDR noch ein Stück anderes Deutschland liegt. Berlin gibt es doppelt. Und in das Berlin der Hoffnung darf ein Kolumbianer nicht ohne Weiteres einreisen. Sein ganz eigenes Leben zu haben, das weiß Jaime Tadeo Mikan schon jetzt, heißt, jeden Augenblick anzunehmen, wie er ist. Auch jeden Ort. Jaime Tadeo Mikan prüft seine Lage: Allein am Bahnhof Zoo, fast ohne Geld, stumm für die anderen. Er versteht kein Wort der Kartoffel-Sprache ringsum. Der ohne Vorbehalt zu lebende Augenblick besteht vor allem aus Winter, der unbekannten Jahreszeit. Ein mitleidiger Blumenhändler vom Bahnhof Zoo nimmt den Ankömmling mit. Kurz darauf lernt Jaime Tadeo Mikan einen Argentinier kennen, der verreist und überlässt ihm sein Zimmer.

Drinnen und draußen sind es bald durchschnittlich fünf Grad. Jaime klagt nicht, er sagt Ja zu den fünf Grad, so wie er zu den Menschen Ja sagt, die ihm begegnen, wofür ihn bald so viele lieben werden. Er sagt auch Ja zu dem hässlichen gekachelten Schrank in der Ecke, der als Schrank nicht einmal zu gebrauchen ist – auch dass ein Eimer voll zu Vierecken geformtem Schmutz davor steht, irritiert ihn nicht. Er ist nicht hier, um die Wohnkultur der Einheimischen zu kritisieren. Er ist überhaupt nicht der Mensch, andere zu kritisieren. Das wird selbst seine besten Freunde immer wieder erstaunen. Was ist der Mensch? Ein Ermöglicher des anderen, weiß der Überwinterer. Aber wer kann das schon leben? Er kann es.

Als es Frühling wird, lernt er die Heiße-Kartoffel-Sprache, aber nicht nur ihre Alltagsgestalt. Er begegnet in den Räumen der Worte mit den viel zu langen Vokalen und den viel zu harten Konsonanten bald Menschen, die seine Gedanken aussprechen können, nur viel genauer. Rainer Maria Rilke zum Beispiel, Gott- und Menschensucher wie er. Oder Meister Eckhart. Jaime Tadeo Mikan studiert Theaterwissenschaft, Tänzer ist er schon, jetzt wird er noch Schauspieler, Regisseur, Lehrer. Er inszeniert Stücke von Euripides bis zu Jewgeni Schwarz, meist mit freien Berliner Gruppen.

Das deutsche Fernsehen entdeckt ihn als Lateinamerikaner vom Dienst. Lateinamerikaner sind Machos, also schaut er, der Nichtmacho, mit streng zurückgegeltem Haar und eisglattem Blick vorzugsweise in Pistolenmündungen oder hält als spanischer Minister Ansprachen an ein staatsmännisches Publikum. Spielen kann er dieses allzu fremde Sein.

Wie frei diese Deutschen sind! Ihre Körper sind frei. Sie sind frei, als Mann Männer zu lieben, ohne sich zu verbergen. Er hat den Dessauer wiedergesehen, aber gelebt hat Jaime Tadeo Mikan mit einem Mann aus einer anderen kleineren ostdeutschen Stadt. Dort wäre ihre Liebe auch nicht viel leichter gewesen als in Kolumbien. Jaimes Mutter nimmt Zuflucht zu Jesus, als sie erfährt, dass ihr Sohn einen Mann liebt. Torsten heißt er. Die Schwester sagt: „Ich liebe dich so, wie du bist.“ Sein Bruder hat noch nie viel gesagt.

Äußere Freiheit besitzen die Deutschen, bemerkt Jaime Tadeo Mikan, aber die Freiheit zu sich selbst fehlt ihnen oft. Er kann helfen. Die für höhere Berührungen Empfänglichen nennen Menschen wie ihn „spirituell“, als sei das eine Zusatzqualifikation, eine isolierbare Gabe. Aber es war wohl so: In seiner Gegenwart, sagen Freunde, kannten sie keine Angst. Schauspielschüler kommen aus seinen Stunden wie aus einer anderen Welt. Als führte da eine direkte Verbindung vom Ursprung des Theaters in den magischen Tänzen der Schamanen hinauf bis zu ihnen.

Im Juli 2008 hat Jaime Tadeo Mikan zwei Theaterstücke auf Berliner Bühnen gebracht – Oscar Wildes „Bunbury“ an der Theakademie und „Makura“ mit seiner Theatergruppe Molino. „Makura“ handelt von einem Kissen, das jeden, der auf ihm schläft, die „Wahrheit“ träumen lässt, seine Wahrheit. Nachtbunt und traumleicht. Und nach der Kissennacht ist alles anders. Zwei Premieren in einem Sommer, danach darf sich jeder etwas schwächer fühlen. Eine Lungenentzündung? Sie wird vergehen wie der erste Winter in Berlin. Er wird die Medikamente nun doch nehmen. Gegen den Schatten, der über seinem Leben liegt, von dem nur drei Menschen wissen. Man soll sich nicht beschweren mit dem, was noch nicht an der Zeit ist. Und nicht die anderen. Sie sind zu ängstlich. Er ist es nicht. Wahrscheinlich nennt er selbst den Tod noch Bruder, schon weil er zum Leben gehört. Geh ruhig, ich komme klar, sagt er dem Freund, als der ihn für eine Nacht allein lassen muss. Am nächsten Mittag liegt Jaime Tadeo Mikan auf dem Fußboden, vollständig bekleidet, lächelnd. Weil es keinen Stil hat, den Tod im Schlafanzug zu empfangen, im Bett?

Heute und morgen spielt das Theater Molino noch einmal „Makura“, die Traumwanderung, um 20 Uhr im Kulturhaus Spandau.Kerstin Decker

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