Berlin : James Kevin Riley, geb. 1954

Christine-Felice Röhrs

James Kevin Riley war von Bewunderern umgeben. Von Männern und Frauen gleichermaßen. Denn er war ein sehr schöner Mann, Tänzer von Beruf. Mit langen geschmeidigen Gliedern, muskulös am ganzen Körper. Mit einer feingeschnittenen Nase und schrägen dunklen Augen, die eine indianische Ahnin ihm vermacht hatte. Mit Locken den halben Rücken hinunter, die er sich in Hunderte kleiner Zöpfchen flechten ließ. Und mit der bronzeglänzenden Haut seiner afroamerikanischen Eltern.

Nun ist schnell der erste Reiz verflogen, wenn Verehrer feststellen, dass hinter der schönen Fassade ein hohler Körper steckt. James Kevin Riley aber behielt seine Bewunderer, sie wurden Freunde. Oder Geliebte, wieder beiderlei Geschlechts. Denn James Kevin Riley hatte eine wunderbare Art, Freund oder Geliebter zu sein - herzlich, zuverlässig, mitfühlend. Der Tänzer hatte so viele, die ihn mochten. Sie hockten nächtelang auf seinem Sofa, schütteten ihm ihre Herzen aus und redeteten gegen den laufenden Fernseher an und gegen das dudelnde Radio. Sie waren seine Familie, und sie nannten ihn Jay.

Jay war Ende 20, als er nach Berlin kam, der Ami, der in Cincinnati / Ohio aufgewachsen war. Unter anderem am Los Angeles City College und an der Alvin Ailey Tanzakademie in New York hatte er das Tanzen und Singen gelernt - Jazz, Step, Ballett, Folklore, Musical. Europa, so schien es Jay, barg für einen Schwarzen mehr Möglichkeiten als die Vereinigten Staaten, wo so viele talentierte Farbige auf eine Chance hofften.

Das Berlin der 80er Jahre liebte Jay. Es lief gut für ihn. Den großen Wurf schaffte er nicht, zwischendurch aber immer mal wieder ein paar Höhepunkte, wie Choreographie, Tanz und Gesang bei der Tournee von Michael Jacksons kleiner Schwester La Toya. Oder vier Jahre als Jacob in "La Cage aux Folles". Eine Rolle an der Deutschen Oper hier, eine beim Reinecke Fuchs Ensemble dort. Mal war mehr Geld da, dann kaufte Jay einen Pelzmantel und schickte ihn der Mutter nach Cincinnati. Mal war weniger Geld da, dann jobbte der Tänzer eben als Modell, Tanzlehrer oder Türsteher in Discos. Ein Nachtmensch war er ja sowieso - bis morgens früh war er meist unterwegs. Er flirtete und tanzte, lachte und lernte neue Freunde kennen. Das ging so einfach mit diesem besonderen Jay-Charme: Ein Besucher tritt aus der Winternacht ein in die Bar, es schneit und er trägt eine Flocke auf der Wange, Jay geht hin, sagt "Schnee auf weißer Haut sieht nicht gut aus" und wischt sie mit leichter Hand herunter.

Egal, ob gerade reich oder arm - für seine Freunde kochte der Tänzer regelmäßig aufwendige Menüs. Viele Leute satt zu kriegen, hatte er in der Army gelernt. Immer lud er zu Thanksgiving ein, einmal waren es an einem Wochenende 350 Leute. Tage vorher begann er mit den Vorbereitungen, nutzte alle Öfen, die das Haus zu bieten hatte: Kuchen im vierten Stock, den Truthahn bei der Nachbarin mit dem großen Herd gegenüber, Maccaroni-Cheese-Pie beim netten Ehepaar im Erdgeschoss. "Baby, welcome", rief er den Gästen am Feiertag mit seiner sonoren Stimme zu und breitete lächelnd die Arme aus. Jay lächelte fast immer.

Geselligkeit bei Tisch mochte Jay Riley. Dick machen durfte die Völlerei aber nicht. Zwar arbeitete der mittlerweile 47-Jährige zum Schluss nicht mehr als Tänzer, aber Liegestütze und Bauchübungen absolvierte er weiterhin täglich. Seinem Körper brachte er alle Aufmerksamkeit entgegen. Ihn mit dem Waschlappen abzureiben, war ein zeitaufwändiges Ritual. Und er achtete auf die Ernährung: Eine Zeitlang wohnte auf dem Balkon sogar ein Huhn, damit er morgens sein "freilaufendes", gesundes Ei kochen konnte. Jay Rileys Körper sah aus wie der eines 30-Jährigen.

Es lässt sich nicht genau sagen, wann Jay Riley begann, sich in der Stadt nicht mehr so wohl zu fühlen. Vielleicht als das Tanzen plötzlich Schmerzen bereitete - er hatte die Füße kaputtgetanzt. Es hing auch mit der Maueröffnung zusammen, dass Jay für Berlin nun eine Art Hassliebe empfand. Die Vereinigung hatte Jays Stadt kälter gemacht. Er fühlte sich fremd. Vielleicht trieb dies düstere Gefühl auch die Krankheit voran, über die er nie sprach. Auf jeden Fall wollte er den Eltern die Kosten für die Überführung seines Leichnams ersparen. Schon ganz elend flog er in die alte Heimat. Schaffte es aber noch, einen Tag vor seinem Tod für die Familie zu kochen.

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