James Simon : Nofretete und Badespaß

Das Stadtbad Mitte in der Gartenstraße wird künftig nach James Simon benannt. Der Textilgroßhändler und Mäzen machte sich einst um die Reinlichkeit der Berliner verdient - und um einen der größten Kulturschätze, die die Stadt heute zu bieten hat.

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James Simon
James SimonFoto: ullstein bild

Nofretete besaß sicher nicht nur eine einzige Badewanne, angeblich badete sie sogar in Eselsmilch. Und wenngleich noch keine Pläne der Berliner Bäder Betriebe bekannt geworden sind, es ebenfalls mal mit Eselsmilch zu versuchen – auf Nofretete richtet sich deren Blick dennoch dieser Tage, zumindest indirekt. 100 Jahre ist es her, dass die Büste der Pharaonenfrau aus Ägyptens Sand gebuddelt wurde, bei einer Grabung der Deutschen Orient-Gesellschaft, zu deren Gründern und Förderern der Berliner Textilgroßhändler und Mäzen James Simon gehörte. Er war es auch, der die Büste der Königin 1920 dem Freistaat Preußen schenkte und dem daher in diesem Herbst mancher Lorbeerkranz geflochten werden dürfte, sei es bei der Ausstellung zum Nofretete-Jubiläum (ab Dezember im Neuen Museum) oder bei der Verleihung des James-Simon-Preises durch die nach ihm benannte Stiftung an Carmen und Reinhold Würth am 12. September.

Da wollen auch die Bäderbetriebe nicht abseitsstehen, die in dem Gönner der hiesigen Museen auch einen ihrer Ahnherren sehen und daher am selben Tag das aus den dreißiger Jahren stammende Stadtbad Mitte in der Gartenstraße 5 nach James Simon benennen und eine Stele zu seinen Ehren aufstellen. Auch eine Urenkelin Simons wird zur Feierstunde erwartet.

Der dergestalt gleich mehrfach Geehrte war nicht nur Großkaufmann und Kunstfreund, sondern ebenso vielfältig sozial engagiert. So wirkte er als Förderer und Vorstandsmitglied des Berliner Vereins für Volksbäder, der 1874 unter der Leitung des Dermatologen und Sozialreformers Oscar Lassar gegründet worden war – Motto: „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad.“ Das war, gerade in der seit der Reichsgründung 1871 prosperierenden Hauptstadt Berlin, alles andere als selbstverständlich, wie auch? Bäder in Wohnungen waren die Ausnahme, Badeanstalten existierten nicht. Um Sauberkeit und Hygiene stand es schlecht, wie Lassar in einer Festschrift anlässlich der Berliner Hygiene-Ausstellung 1883 klagte: „Unsere Arbeiter baden nicht. Das Gesinde, dem wir die Bereitung von Speisen, die Pflege der Kinder überlassen, legt uns die stumme Frage vor: Wo baden unsere Dienstmädchen?“ Die Antwort war: nirgends. Reinlichkeit sei aber „eine Culturaufgabe vornehmsten Ranges“, mahnte Lassar, und um diese zu bewältigen, ging der Verein mit gutem Beispiel voran und stellte auf der Hygiene-Ausstellung eine Neuerung vor: das Volks-Brausebad, eine einfache Anlage zur Körperpflege, ausgestattet mit einigen Duschplätzen, die gleich ausprobiert werden konnten. 10 000 Besucher machten davon Gebrauch.

Fünf Jahre später folgten zwei ständige Brausebäder, eines in einer Grünanlage in der Wallstraße, das zweite in der Gartenstraße 5. Es waren Bauten ohne Luxus, vom Verein finanziert. Dank der geringen Baukosten konnten die Eintrittspreise niedrig und damit für weite Kreise erschwinglich gehalten werden. Und dennoch warf das Bad Rendite ab.

Der Erfolg ermunterte die Behörden, es dem Verein gleichzutun, ihn sogar zu übertrumpfen. Die kommunalen Anlagen dienten nicht nur der Körperpflege, sondern hatten auch Schwimmbecken. Als erste städtische Anstalt eröffnete 1892 die in der Moabiter Turmstraße. Friedrichshain, Kreuzberg, Schöneberg, Prenzlauer Berg und Wedding folgten.

Der Verein war plötzlich deutschlandweit gefragt, wurde zur Deutschen Gesellschaft für Volksbäder umgewandelt, eine der Vorgängerinnen der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, in der heute alle kommunalen Bäder organisiert sind. Mit dem zunehmenden Erfolg des Badewesens nahm der finanzielle Druck auf den Verein aber zu. 1904 schließlich übergab er seine Bäder samt dem übrigen Vermögen an Berlin, ohne dass ihm gedankt worden wäre.

Das Brausebad in der Gartenstraße bestand noch bis in die zwanziger Jahre weiter. Damals beschlossen die Berliner Stadtverordneten, dort ein neues, mustergültiges Volksbad zu errichten. 1930 wurde das Bad eröffnet, es war das erste Hallenbad mit einer 50-Meter-Bahn.

Simons Firma war damals schon fast am Ende. Die Folgen des Ersten Weltkriegs hatten auch ihr schwer zu schaffen gemacht, die Inflation gab den Rest. Auch der Verkauf all seiner Kunstwerke half Simon nicht mehr, 1931 war die Firma zahlungsunfähig. Schon vier Jahre zuvor hatte Simon aus seiner Villa in der Tiergartenstraße 15 (heute steht dort das Haus der Landesvertretung Baden-Württemberg) in das Mietshaus Bundesallee Ecke Trautenaustraße ziehen müssen, an beiden Orten hängen Gedenktafeln. Am 23. Mai 1932 starb Simon.

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