Berlin : Jammern hilft nicht! Wie kleine Geschäfte mit Ideen um Kundschaft kämpfen

Sie servieren den Käufern Sekt oder sprechen sie mit dem Spitznamen an: Im Wettbewerb mit Kaufhäusern und Einkaufszentren setzt der Mittelstand auf Service, Kulanz und Kreativität

Annette Kögel

Die kleinen Fachgeschäfte in Berlin haben es immer schwerer, sich gegen die Konkurrenz der Konzerne zu behaupten. Vielerorts entstehen neue Shoppingzentren, und die großen Kaufhäuser der Stadt locken Kunden mit günstigen Preisen. „Mittelständler müssen eine Nische finden, flexibel sein und sich vor allem durch Kundenservice unverwechselbar machen“, sagt Jan Holzweißig vom Einzelhandelsverband. Der Mittelstand wickelt mit seinen rund 17000 Läden nur noch 28 Prozent des gesamten Berliner Handels ab – und der Anteil wird weiter sinken, prognostiziert Holzweißig. Da hilft nur: Einfallsreichtum. Wir haben uns in der Stadt nach neuen Konzepten umgesehen.

Vom Europacenter in die ganze Welt. Ein globales Fotoalbum aus Berlin – damit will Peter Huber Kunden locken. Der Inhaber des Fotofachgeschäfts im Europacenter (Telefon: 2624666) entwickelt nicht die Bilder nicht nur, er stellt sie auch gratis mit einem Codewort ins Internet. Freunde und Verwandte können sich die Fotos anschauen und nachbestellen. Das ist Service – und zugleich Eigenwerbung in aller Welt.

Nach Kragenweite des Kunden. Cäcilie Jost hat erst zu Hause mit dem Plättbrett gearbeitet. Dann kam ihr die Geschäftsidee: Hemden und Blusen bügeln, die der Kunde vorher in der eigenen Maschine gesäubert hat. So etwas machen viele Wäschereien und Hemdendienste in Berlin nicht mehr. Vor dreieinhalb Jahren eröffnete die heute 52-Jährige ihr Geschäft „Bügeleisen“ am Zehlendorfer Windsteiner Weg 21 (84592540) : Sie holt die Kleidung ab und bringt sie bis spät abends auf dem Bügel des Kunden zurück. Wenn ein Knopf lose ist, näht sie den auch gleich an.

Bei Champagner shoppen. Wer sich für Maßkonfektion aus guten englischen Stoffen interessiert, muss bei Brummer an der Tauentzienstraße 17 klingeln – so, als ob er Bekannte besucht. Auf dem Schild steht: „Die Etage“ (Tel.: 2111027). Das Geschäft im 2. Stock ist gestaltet wie ein Wohnzimmer. Anzug oder Hemd werden bei Kaffee, Sekt, Rotwein oder Gin anprobiert. Nicht weit entfernt, in der Fasanenstraße 27, will auch Bernardus Manders von „Home with a Heart“ (24033626) ein heimeliges Einkaufsgefühl vermitteln. Links das Möbelgeschäft, rechts das Café im Country-Stil. Hier sitzen die Kunden auf dem Sofa im Schaufenster – oder am Kamin. Soll halt alles gemütlich wirken.

Kulanz als Verkaufsargument. Suchte man den kulantesten Laden Berlins – Caroline Geisler hätte mit ihrem Geschäft „Klamutter“ mit gebrauchter Umstandsmode gute Chancen. In der Brandenburgischen Straße 28 in Steglitz (79781985) können sich werdende Mütter Kleidung ausleihen. Zur Kundschaft gehören nach Angaben von Frau Geisler eher gut verdienende Frauen. Die 37-jährige Unternehmerin hat als dreifache Mutter, falls gewünscht, Tipps zu Geburt oder Erziehung parat. Wenn eine Frau die Kleidung wegen Umständen bei der Geburt um Wochen verspätet zurückgibt, drückt die Geschäftsfrau beide Augen zu. Jetzt vergrößert sich „Klamutter“ von 90 auf 200 Quadratmeter: Am 1. Januar 2004 eröffnet der neue Laden in der Steglitzer Halskestraße 3.

Der Laden als Jugendclub. Dass sich Kunden wohl fühlen müssen, wenn man sie halten möchte, weiß Roland Lüdtke, einer der Geschäftsführer der Spieleläden „Serious Games“ (85962903) an der Bundesallee 83 in Schöneberg und in der Bismarckstraße 85. Er verkauft Fantasy- und Rollenspiele, die man woanders schwerlich bekommt. Eigentlich ist „Serious“ aber kein Laden mehr, sondern schon fast ein Jugendclub. Die Kunden treffen sich von 10 bis 20 Uhr bei „Serious“, testen, plaudern – und treten in einer der Laden-Ligen an. Die Verkäufer kennen sogar die Spitznamen der Jugendlichen, das kommt gut an. Malen, basteln, kneten, Kakao trinken – das können kleine Kinder im umgebauten Trafohaus auf dem Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg. Bei „Bella, Boss und Bulli“ schauen sich die Eltern derweil nach „Recycled Fashion for Kids“ (44674134) um, trinken Milchkaffee und betrachten Kinderkunst. Das Verkaufsrezept hier: eine Kombination aus Kunst, Kinderanimation und Kommerz.

Entspannung inklusive. Friseure lassen sich oft etwas einfallen: schneller schneiden, billiger waschen, selber föhnen – oder der Kunde kann die Musik, die im Laden läuft, auf mitgebrachte Kassetten oder CDs überspielen. Regina Helias bietet im „Haardesign“-Salon am Hohenzollerndamm 54 in Wilmersdorf (8237233) einen anderen Service: ein rituelles Haarbad im Liegen. Während man zu Musik nach Wahl entspannen kann, ruhen die Haare in einem Ölbad mit Duftnoten wie ausgleichend, anregend, beruhigend. So etwas hält Kunden bei Laune.

Kleine Aufmerksamkeiten. Sie erhalten die Kundschaft – diese Regel beherzigen die Macher der „Perlenbar“ an der Uhlandstraße 156 (Telefon 8816496). Da friemelt die Verkäuferin ewig einen neuen Verschluss an die mitgebrachte Kette, auch wenn sie nur ein paar Euro gekostet hat. Auch preisgünstige Steine werden extra bestellt. Man kann zudem seine Oberbekleidung mitbringen, das Team stellt den Schmuck zusammen. Manchmal gibt es für die Macher ein unerwartetes Dankeschön für den Dienst am Kunden: Neulich besuchte Chefin Manuela Meyer eine Bar. Sie bekam einen Cocktail auf den Tisch. Gratis. Eine Kundin hatte sie wiedererkannt.

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