Berlin : Jan Lenica, geb. 1928

Ursula Engel

Der Mund mit den weißen Zähnen ist das Zentrum des Bildes. Um ihn herum ordnen sich pulsierende Farbwellen. Mit kräftigen Pinselstrichen sind die Rottöne aufgetragen. Schwarze Konturen lassen den Menschen im Vordergrund entstehen. 1964 entstand das Plakat zu Alban Bergs "Wozzeck"-Aufführung. Es ist Jan Lenicas bekanntestes. Als der polnische Künstler 1950 mit seiner besonderen Art der Plakatkunst begann, war er ein Provokateur. Gebrauchsgrafik und Kunst schienen damals noch unvereinbar. Lenica übertrat diese Grenze mit System. Er malte Plakate. Er wartete nicht, bis die Menschen den Weg ins Museum fanden. Seine Kunstwerke, die zu Veranstaltungen, Theaterstücken und Filmpremieren einluden, erlebte man auf der Straße. Nachahmer fanden sich schnell, und für Lenica begann die Suche nach immer neuen Grenzüberschreitungen; nach einem Stil, der ihn von anderen abhob. Lenica etablierte sich als Plakatkünstler, er wurde erfolgreicher Trickfilmmacher, er illustrierte Kinderbücher. Er wurde überschüttet mit Preisen und prestigeträchtigen Aufträgen. Das Plakat für die Olympiade 1972 in München hat er entworfen. Lenica war inzwischen nur noch selten in Polen. Er lebte in den USA, in Paris und auch in Deutschland. Mitte der achtziger Jahre zog er nach Berlin, da hatte er eine Professorenstelle an der Hochschule der Künste bekommen. Das Leben in fremden Ländern beeinflusste seinen Stil nicht: "Möglicherweise liegt das auch an meinem Temperament. In der Entstehungsphase eines Plakates spreche ich so gut wie nie mit anderen über meine Ideen und Vorstellungen. Im Gespräch finde ich fast keine Impulse, ich muss einen inneren Dialog mit mir selber führen", sagt er in einem Interview 1981. Vielleicht ist hier auch der Grund zu suchen, warum der ausdrucksstarke Künstler sich mit den Menschen so schwer tat. Während Musik und Malerei die Sprachen waren, die er perfekt beherrschte, fand er sich in der Menschenwelt nicht immer zurecht. Hier benahm er sich oft wie ein alter Mann auf Besuch. Die Augen fast geschlossen, in sich versunken saß er im Sessel. Er schien an den Gesprächen um ihn herum nicht teilzunehmen. "Doch wenn wir tanzten", sagt die Berliner Grafikerin Helena Bohle-Szacki, "wurde er von einer Sekunde zur anderen zum jungen, charmanten Mann. Dann war er mit jeder Faser seines Körpers präsent. Sein Rythmusgefühl war einfach unglaublich." Das Reden war für Jan Lenica nur eine von vielen Möglichkeiten sich mitzuteilen, nicht die wichtigste. Viele hielten ihn für unzugänglich oder sogar für arrogant, weil er sich jeder Form von Smalltalk und höflicher Unterhaltung verschloss. "Wenn er sich jedoch an Gesprächen beteiligte hatte er einen raffinierten subtilen Humor und viel Selbstironie", sagt Helena Bohle-Szacki.

Während seines ersten Jahres in Berlin hatte Jan Lenica keine eigene Wohnung, er lebte dort, wo er arbeitete: in seinem kleinen Büro in der Universität. Die Studenten rätselten: "Wie kann man nur so leben?", "Wo duscht der bloß?"

"Jan hatte keine großen Ansprüche an Wohnung oder Kleidung", so Helena Bohle-Szacki, "privat war er ein bescheidener Mann." So wohnte und arbeitete er bis zum Schluss in einer Zwei-Zimmerwohnung.

Lenica machte es seinen Mitmenschen nicht leicht, freundschaftliche Gefühle zu entwickeln. Künsterisch hingegen movitierte er zur Auseinandersetzung und regte seine Schüler an, neue Wege zu beschreiten. "Eines seiner wichtigsten Ziele war es, seine Studenten in keiner Weise zu beschränken", sagt Helena Bohle-Szacki.

"Was ist das Wichtigste am Menschen, die Augen oder das Gehirn?" wurde er einmal gefragt. "Die Ohren", antwortete Lenica. Wer seine Bilder betrachtet, ahnt, wie er das meinte. Sie sind musikalisch. Sie sehen aus wie gemalte Musikträume: Töne, Akkorde, Soli finden sich in Wellen, harmonischen Farben und Formen wieder. Lenicas Bilder kann man hören. Sein letztes Plakate war für eine König-Lear-Aufführung in Warschau bestimmt. Düster und dunkel sind die Töne dieses Bildes. Es ist ein sehr ausdrucksstarkes, trauriges Plakat mit kräftigen schwarzen Kontruren. Die Farbe - nur ganz wenig Gold - ist fast verschwunden. Das spiegelt Lenicas Stimmung in den letzten Jahren. Er fühlte sich einsam und allein. Sein Freundeskreis war klein, seine Frauenbeziehungen waren nicht von Dauer gewesen, und schließlich: Er war krank.

Seine Diabetes, jahrelang ignoriert, schränkte ihn immer stärker ein. Das Schlimmste aber war, dass seine Beweglichkeit nachließ: Im letzten Jahr konnte er kaum noch arbeiten, im Herbst musste er sich einer schweren Operation unterziehen. Aus der Bewusstlosigkeit ist Jan Lenica nicht wieder aufgewacht.

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