Berlin : Jan-Michael Feustel (Geb. 1951)

Diese merkwürdig leere Zeit dazwischen: der Alltag.

Kerstin Decker

Pittiplatsch kannte jedes Kind. Der anarchische, verfressene Kobold war der eigentliche Held des DDR-Fernseh-Sandmännchens. Und Jan-Michael Feustels Eltern haben ihn erfunden. Ein wenig auch nach dem Bild ihres einzigen Sohnes.

Als der DDR auffiel, dass Kobolde eigentlich viel zu negativ sind für eine sozialistische Kinderstube, war es schon zu spät: Unzählige Wo-ist-Pittiplatsch-Kinderstimmen holten ihn auf den Bildschirm zurück.

Ingeborg und Günther Feustel haben die Kinderwelten ganzer Generationen miterfunden, im Fernsehen, im Radio und zwischen zwei Buchdeckeln. Fast jeden Sonnabend machten sie mit ihrem kleinen Sohn lange Spaziergänge und dachten sich dabei Geschichten aus. Ob die Geschichten gut waren, erkannten sie schon an den Augen und den Fragen ihres Sohnes.

Als Spaziergänger und Geschichtenerzähler hat man auch ihn kennengelernt. Und nach seinem plötzlichen Tod wurde es für viele sehr erwachsene Menschen das Unbegreiflichste, dass sie nie wieder mit ihm spazieren gehen, nie mehr seine Geschichten hören sollten. Jan-Michael Feustel hat beides, das Spazierengehen und das Erzählen, zur Kunstform gemacht. Aber das gehört schon fast ans Ende seines Lebens.

Vielleicht ist es nicht leicht, das einzige Kind von Kinderwelterfindern zu sein. Einerseits hat das Vorteile: Die meisten Geschichten hört man zuerst und darf sie sogar verbessern. Andererseits wird man dabei beobachtet. Schlimmstenfalls fangen die eigenen Eltern an, Kolumnen darüber zu schreiben, was man gerade gesagt oder gespielt hat. Die „Knirpsgeschichten“ in der DDR-Erziehungsratgeber-Zeitschrift „Elternhaus und Schule“ handelten meist von ihm, von Jan-Michael Feustel.

Jan-Michael Feustel, das öffentliche Kind, das Beispiel-Kind?

Es machte bald etwas sehr Merkwürdiges. Es weigerte sich, zu werden wie „alle Kinder“. Es wurde ein sehr besonderes Kind. Klüger als die anderen, eigensinniger. Einsamer auch, denn was „alle Kinder“ spielten, war ihm nicht sehr interessant.

Manchmal verstand er nicht einmal, worüber die anderen lachten, worüber sie sich freuten. Jeder Hochbegabte ist wohl ein Eigenweltbewohner. Auch ein Eigenweltinhaftierter. Daraus kommt, was nur er leisten kann. Daraus kommt aber auch seine Fremdheit den vielen gegenüber. „Micha ist von der Schule immer nach Hause gefahren“, sagt sein bester Freund, der ihn seit Schultagen kannte, „undenkbar, dass er wie wir anderen im Internat gewohnt hätte.“

Kunstgeschichte wollte er studieren. Doch in der DDR konnte man – wenn man überhaupt studieren durfte – nicht studieren, was man wollte. Jan-Michael Feustel durfte nicht Kunstgeschichte studieren. Er entschied sich für eine Alternative, die nicht jedem abgelehnten Studenten der Kunstgeschichte offengestanden hätte. Vielleicht wollte er auch nur seine Eltern erschrecken: Dann eben Mathematik! Er besaß den Vorteil mancher Hochbegabten, lediglich eines seiner Talente auswählen zu brauchen, während die Mehrheitsmenschen schon froh sein müssen, wenn sie überhaupt etwas an sich entdecken, das den Namen Talent verdient.

Mathematiker, sobald sie sich in den inneren Bereichen ihres Fachgebiets aufhalten, können sehr allein sein. Feustel schrieb eine A-Promotion. Dann schrieb er eine B-Promotion, die handelte von der „vierdimensionalen Kugel“. Seinem Freund wurde es ganz dunkel im Hirn, als er das Werk las: „Ich habe nichts verstanden, gar nichts!“ Zur Bekräftigung nannte er die bemerkenswerte Kugel gelegentlich auch den „vierdimensionalen Kreis“, was Feustel schon beim Hören wehtat.

Er hat fast immer in Blankenfelde südlich von Berlin gewohnt. Jeden Tag fuhr er in die Stadt zur Akademie und wieder zurück. Vielleicht erkennt man Menschen, für die es nichts Realeres gibt als vierdimensionale Kugeln, daran, dass sie sich etwas eigentümlich verhalten. Er wartete auf den Zug, indem er, ein Buch lesend, auf der Bahnsteigkante balancierte, einen Fuß dabei so frei schwingen lassend wie seinen Geist. Im Zug saß er im Nichtraucherabteil, versäumte aber nie, kurz das Raucherabteil aufzusuchen, dort eine Zigarette zu erfragen und dem Freigiebigen zum Dank etwas vorzutragen: Rilke-Gedichte zum Beispiel. Niemand konnte so wie der Mathematiker Feustel im Berufsverkehr Rilke zitieren. Rilke, das ist die vierdimensionale Kugel mit anderen Mitteln, warum lächelten andere da? Und worüber?

Jan-Michael Feustel hätte es wohl nicht genau gewusst. Er begann sich zu entschuldigen, für das, was er sagte, was er tat. Auch als er schon der allseits beliebte öffentliche Spaziergänger und Geschichtenerzähler war, entschuldigte er sich. Manchmal klang es anderen, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass es ihn überhaupt gab. Vielleicht ließ er sich deshalb taufen, schon lange vor dem Ende der DDR: In Gottes Augen gibt es kein überzähliges Dasein.

In den Augen des neuen Einheitsdeutschlands war das schon anders. Dass im Grunde jeder einer zu viel ist – diese unerwartete Lektion lernten die meisten rasend schnell im Abwicklungsland. Auch der b-promovierte Mathematiker Feustel an der Akademie der Wissenschaften wurde abgewickelt, noch keine vierzig Jahre alt. Begründungen gab es nicht. Er wehrte sich nicht. Er war nicht der Typ dafür, sagen seine Freunde. Vielleicht, weil er nur für etwas leben konnte, nicht gegen etwas. Weil aus ihm nie ein Mann der neuen Zeit geworden wäre, einer mit Ellenbogen. Das ist keine Kritik der Ellenbogen, es ist natürlich, welche zu haben, aber er besaß keine.

DDR-Mathematiker, vor allem junge, verteilten sich damals über die ganze Welt, zum Vorteil der Welt. Jan-Michael Feustel blieb. Freiheit? Aber natürlich. Er holte nach, was ihm einst verwehrt wurde: Er studierte endlich Kunstgeschichte. Nicht an der Universität, dafür war er zu alt, aber für sich und vor Ort. Jede Berliner und Brandenburger Kirche, und sei sie noch so klein und gut versteckt, musste mit seinem Besuch rechnen. Bald erblassten die Pfarrer, wenn sie ihn kommen sahen, denn fast immer wusste er mehr über ihre Kirche als sie. Und er besaß die Fähigkeit, das so zu formulieren, dass bald ganze Scharen von Berliner und Brandenburger Kirchenspaziergängern mit ihm gingen. Sie folgten ihm auch, wenn er „Hausflure im Prenzlauer Berg“ oder „Hohlwege im Fläming“ erkundete. In den Fläming fuhren sie eher mit dem Bus, denn ein ebenfalls abgewickelter Akademie-Physiker hatte das Busunternehmen „Brandenburgische Exkursionen“ gegründet.

Feustel schrieb ein Buch nach dem anderen, schrieb über das „Wilhelminische Lächeln“, über „Dorfkirchen in Berlin“, über Fontanes Lieblingskirchen in der Mark oder über 100 Jahre Teltow-Kanal.

Aber er schrieb nicht alles auf. Seine Geschichten notierte er nie. Denn ein Geschichtenerzähler, dessen Geschichten man nachlesen kann, hat schon die Hälfte seines Geheimnisses verloren. Vielleicht kannte er sie selbst noch nicht ganz, wenn er begann, seine Geschichten zu erzählen. In seinem Haus, in Schulen, in Kirchen und Gaststätten. Er erfand sie druckreif im Sprechen, vom Märchen bis zum Krimi. Kein gewöhnlicher b-promovierter Mathematiker reiferen Alters würde seinen Anrufbeantworter Abraxas nennen. Aber er war doch ein Geschichtenerzähler. Also meldete sich Abraxas, teilte dem Anrufer mit, dass „sein Herr und Meister“ im Augenblick abwesend, er selbst aber unbedingt vertrauenswürdig sei ...

Solange Jan-Michael Feustel erzählte, schrieb, wanderte, lehrte, zeigte, war er ganz bei sich. Nur gab es dazwischen noch eine merkwürdig leere Zeit, in der andere fast ihr ganzes Leben verbringen: den Alltag. Die Zeit, für sich selbst zu sorgen. Er konnte nichts mit ihr anfangen. Ein Körper, glaubte er, hat zu funktionieren und seinen Inhaber möglichst wenig daran zu erinnern, dass der Geist, der vierdimensionale Kugeln und alle Gedichte Rilkes sowie die komplette Geschichte Berlins und Brandenburgs gleichzeitig bewohnt, solche Krücken nötig hat. „Du siehst schlecht aus, du musst dich besser um dich kümmern!“, sagten die Freunde.

Eigentlich hatte sein Herz keinen Grund, einfach stehen zu bleiben, von einem fiebrigen Infekt abgesehen. Vielleicht hat es ihn nur erschrecken wollen. So dass selbst er hätte merken müssen, dass nicht nur der dicht gefüllte Exkursionsplan 2009, das unfertige Buch über die Gartenstädte in und um Berlin und all die ungeschriebenen Zeitschriftenartikel wichtig waren. Kerstin Decker

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