Berlin : Jannis Stylianakis (Geb. 1930)

Und doch, irgendetwas fehlte, so schön das Leben sich auch ausnahm.

Anne Jelena Schulte

Arbeiter wurden gesucht. Arbeiter wie Jannis und Athina. Arbeiter, die helfen sollten, Deutschland neu zu errichten. Das Land, das den Zweiten Weltkrieg entfacht und Griechenland besetzt hatte.

Doch darüber dachte Jannis Stylianakis nicht nach. Er brauchte Geld, und die Erinnerungen an den Griechischen Bürgerkrieg waren präsenter als die an den Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit seiner Frau stand er auf der Reling des Schiffes, das sie nach Hamburg trug, wohlwollend und froh, das Stigma des gescheiterten Geschäftsmannes hinter sich lassen zu können.

Aus Geldnot hatte er nach der Schule den Kolonialwarenladen des verstorbenen Vaters übernommen. Seine Schreib- und Leselust ließ sich an der Geschäftskorrespondenz beim besten Willen nicht stillen. Nebenher schrieb er für Zeitungen wie die „Polizeirevue“ und brachte einen Gedichtband mit dem Titel „Humoristische Skizzen“ heraus. Die Ladenpleite aber hatte sein Leben zu einer völlig humorfreien Zone gemacht, aus der das Paar nun nach Deutschland flüchtete.

In Elmshorn, einem kleinen Städtchen bei Hamburg, ließen sie sich nieder. Jannis heuerte als Hilfsarbeiter in einer Schiffsschraubenfabrik an, Athina eröffnete eine Änderungsschneiderei. Beide waren fest entschlossen, sich keinen Fehler mehr zu genehmigen, der die Existenzangst zurückkriechen lassen könnte in ihr Leben. Jannis stieg auf in der Hierarchie der Fabrik, wurde zum Buchhalter ernannt. sie kauften sich ein kleines Häuschen, bekamen eine Tochter.

Doch Jannis gehörte nicht zu denen, die sich von einer soliden Existenz zur Bequemlichkeit verführen ließen. Die Lust an den Buchstaben war mehr als eine Jugendlaune gewesen, sie ließ ihm auch in Deutschland keine Ruhe. Sicher, so glaubte er, ging es den anderen griechischen Gastarbeitern ähnlich wie ihm, war sein Volk doch bekannt für die Liebe zur Lyrik. Er eröffnete einen Versandbuchhandel für griechische Literatur. Doch statt der erwarteten Landsleute klingelten deutsche Studienräte und Mittelmeerurlauber bei ihm an.

Ein Wunder war passiert, von dem er kaum noch zu träumen gewagt hatte: Er wurde den Buchstaben und den schwarzen Zahlen gleichermaßen gerecht. Dieses Wunder sollte nie mehr platzen, war ein Kunde unzufrieden, lag Jannis wach in der Nacht.

„Wie, zum Teufel, haben Sie es geschafft, mir dieses hochspezielle, längst vergriffene Buch zu beschaffen?“, wurde Jannis von einem Kunden gefragt. Er antwortete mit diesem Brief: „Die abenteuerliche Beschaffung des Buches möchte ich nicht beschreiben, aber doch ein paar Stationen nennen, die sehr interesand sind: Nachdem mein Mitarbeiter in Athen schrieb, dass das Buch total vergriffen ist, habe die Autorin ausfindig gemacht. Sie selbst hat nur drei Exemplare die nicht davon trennen wollte. Aber in laufen des Gespräch fiel sie ein, dass ein technische Schule in Kreta 1982 fünf Exemplare besorgen hat. Zum Glück meine Vorfahren – Vatter und Mutter – stammten aus Kreta und einige Freunde haben es nicht vergessen.“

Und doch, irgendetwas fehlte, so schön und einsturzsicher ihr Leben in Deutschland sich auch ausnahm. Sie hatten keine tiefen Verbindungen mehr zu den Verwandten, aber sie hatten ein Bild im Kopf. Es war das Bild eines ländlichen, unberührten und unschuldigen Ortes, den sie Griechenland nannten. Sie begannen, danach zu suchen, fuhren alle von den deutschen Griechenland-Experten gepriesenen Landstriche ab, wohnten in den ursprünglichsten Ferienhäusern, sie fanden ihr Land nicht mehr wieder, erblickten überall Kommerz und Tourismus. Lediglich in Jannis’ vergriffenen Büchern und auf Athinas Sofakissen- und Wandstickereien lebte es fort.

So kam es schließlich dazu, dass Jannis in den Sommerferien die Schlüssel seiner ans Mittelmeer reisenden Nachbarn entgegennahm. Der Jannis, der ist ja zuverlässig. Und der Jannis, der ist immer da.

„Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt“, dieses Goethe-Zitat stellte Jannis seinem Wörterbuch voran, das er 2002 im Selbstverlag herausbrachte. Darin listete er Wörter auf, die so waren wie er selbst: deutsch mit griechischem Ursprung, Büchse etwa oder Tresor.

Mit sechzig Jahren, seinen Herzproblemen und anderen Krankheiten zum Trotz, packte Jannis noch einmal die Koffer und Athina, und zog mit ihnen um nach Berlin, wo einige seiner besten Kunden wohnten. In Charlottenburg mietete er einen Laden, der zu einem beliebten Nachbarschaftstreff wurde. Er genoss es, die Leute durch sein Labyrinth der kyrillischen Schriftzeichen zu führen oder ihnen einfach nur einen Stuhl anzubieten und zu reden, bis er 2003 gegen die Konkurrenz des Internet nicht mehr ankam.

Die Kräfte ließen nach. Jannis zog sich zurück, sah müde aus und manchmal auch traurig.

Es war ein schöner Sommermorgen, als ein Freund auf die Idee kam, sich mal wieder bei ihm zu melden. Man verabredete sich im Café. Womit er sich die Zeit vertreibe, wollte der Freund wissen. Jannis grinste. Er arbeite wieder an einem Lexikon. „Was denn für eines?“ – „Das der obszönen Begriffe Griechenlands.“ – „Bist du dafür nicht zu alt?“ – „Keinesfalls.“

Er starb noch in dieser Nacht, leise, im Schlaf. Anne Jelena Schulte

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