Berlin : Je billiger die Pille, desto höher die Prämie

Neues Vergütungssystem soll Ärzte anhalten, preiswertere Medikamente zu verschreiben

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Von Sabine Beikler

Berliner Kassenärzte können jährlich eine Bonusprämie von maximal 5000 Euro erhalten, wenn sie preiswerte Medikamente verschreiben und damit die Arzneimittelausgaben senken. Diese Regelung führte die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) am 1. Juli dieses Jahres ein. Kommt ein Mediziner aber auch dann in den Genuss einer Prämie, wenn er grundsätzlich weniger verschreibt? Bernd Spreemann, Vizepräsident des Verbandes der Krankenversicherten Deutschlands, befürchtet, dass viele Ärzte ihr Verordnungsverhalten überdenken, jetzt entweder weniger oder billigere, möglicherweise nicht so wirkungsvolle Medikamente verschreiben. „Der Patient hat dabei den Nachteil“, sagt Spreemann.

Mediziner erhalten jedoch keinen einzigen „Bonus-Euro“, wenn sie weniger Medikamente verschreiben. „Kein Arzt bekommt auch nur einen Cent dafür, dass er seinen Patienten Medikamente vorenthält, im Gegenteil“, sagt der Berliner KV-Chef Manfred Richter-Reichhelm.

Das Einzigartige an diesem Bonussystem ist, dass die 6200 niedergelassenen Ärzte das System quasi selbst finanzieren. Ein mit fünf Millionen Euro gefüllter Sondertopf wird aus Rückstellungen von bis zu einem Prozent der Honorare gespeist. Alle Fachmediziner werden nämlich aus so genannten Fachgruppentöpfen nach einem komplizierten Honorarverteilungsmaßstab bezahlt. Der Gesamthonorartopf beträgt in Berlin rund eine Milliarde Euro pro Jahr. Jeder Arzt zahlt zunächst ein Prozent des Umsatzes in diesen Fonds: Das entspricht bei einer wirtschaftlich durchschnittlichen Praxis zirka 1000 Euro pro Jahr. Erfüllt er nun diese Bonuskriterien, bekommt er bis zu 5000 Euro zusätzlich zum Honorar ausgeschüttet.

Wann fällt ein Arzt unter die Bonusregelung? Grundlage des Systems sind Generika, die die gleichen Wirkstoffe wie Originalpräparate enthalten, aber preiswerter sind und Analogpräparate, die vermieden werden sollen. Letztere sind teure Präparate, die keinen zusätzlichen therapeutischen Nutzen bringen. Bisher verschreiben Berliner Ärzte in 78 von 100 Fällen Generika. Um in den Genuss einer Prämie zu kommen, muss der Mediziner den Anteil auf mindestens 80 Prozent erhöhen. Diese zwei Prozentpunkte würden Arzneimittelkosten von 15 Millionen Euro „ersparen“.

Wie hoch die Prämie dann ausfällt, liegt an der Menge der Ärzte: Wenn viele Ärzte den Bonus erreichen, muss der Sonderfonds durch die Anzahl der Mediziner dividiert werden. Rein rechnerisch würde die Prämie umso höher ausfallen, je weniger Ärzte preisbewusster verschreiben. Anton Rouwen, Sprecher Aktionsrat Berliner Kassenärzte: „Es ist ein symbolischer Akt. Das Problem muss in vielen Köpfen verankert werden.“

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