Berlin : Je mehr Frieden, desto weniger Demo

Zehntausende wurden zum Protestzug erwartet. Tausende kamen

Heiko Wiegand

Alexandra Geisler ging gestern mal wieder für den Frieden im Irak auf die Straße. Von den Meldungen über die abflauenden Kämpfe, von der Aussicht auf eine baldige Waffenruhe am Golf will sich die Aktivistin der „Sozialistischen Alternative Voran“ nicht irritieren lassen. „Ich sehe meine Gruppe und mich sowieso nicht als Teil der Friedensbewegung“, sagt die 28-jährige Berlinerin. Sie geht grundsätzlicher heran: „Es geht um den Gesamtkomplex imperialistischer Kriege.“ Die Dogmatikerin war gestern nicht allein: Nach den Massendemos in den vergangenen Wochen ist die Friedensbewegung offenbar wieder auf ihren Kern zusammengeschmolzen.

Kinderwagen schiebende Familienväter und -mütter im eleganten dunkelgrauen Mantel waren gestern kaum unter den 5000 Friedensdemonstranten, die sich vom Lützowplatz aus über den 17. Juni Richtung Brandenburger Tor bewegten. Linke und linksextreme Gruppen gaben den Ton an. Die „Kommunistische Partei Irans“ hatte war dabei, die „Gruppe der Unterdrückten“ forderte auf einem Transparent: „Nieder mit dem Kapitalismus, dessen Existenz permanenten Krieg bedeutet.“ Auch die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands und einige autonome Gruppen waren wieder mit von der Partie.

Enttäuschung bei den Veranstaltern: Sebastian Tändler von der Aktion „Schüler gegen den Krieg“ sagte vor Demo-Beginn, er sei „sehr enttäuscht“, wenn weniger als 20 000 Demonstranten kämen. Statt der erwarteten 500 Busse vor allem aus Westdeutschland rollten gerade mal ein Dutzend nach Berlin.

„Natürlich waren die 500 000 Friedensdemonstranten Mitte Februar eine faszinierende Menge“, sagt Klaus Steinicke. Der 56-Jährige hat sich in eine bunt gestreifte Friedensfahne gehüllt. Er ist allein zur Demonstration gekommen. Die Masse sei nicht entscheidend, sagt er. „Schließlich ist jeder Einzelne wichtig, der gegen den Krieg auf die Straße geht.“ Steinicke will das so lange tun, „bis es eine vernünftige Alternative zum Krieg gibt“.

Tina Stahl, eine Potsdamerin, die sich an einem Greenpeace-Kuchenbasar beteiligte und Geld für Basra sammelte, machte für das stark abgenommene Friedensengagement auch die Medien verantwortlich: „Die Menschen stumpfen doch ab, wenn sie täglich stundenlang die Bilder aus dem Irak sehen. Mir geht’s da manchmal gar nicht anders.“ Aber so richtig verstehen will Tina Stahl dann doch nicht, dass sich bei den Friedensdemos mehr und mehr die Reihen lichten. „Das ist ziemlich schade.“

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