Berlin : Je oller, je doller

Die Waldbühne und das Café Keese sind für die alten West-Berliner mehr als nur Kulturstätten. An diesem Wochenende feiern die beiden Institutionen Geburtstag, werden 70 und 40 Jahre alt. Ein Vergleich

Elisabeth Binder[Katja Füchsel],Andr&#233

Was Waldbühne und Café Keese gemeinsam haben? Außer Livemusik, Oldie-Nacht und Single-Abend? Beispielsweise, dass dem echten West-Berliner bei ihrem Klang ganz warm ums Herz wird. Und sie feiern beide dieses Wochenende Geburtstag: Die Waldbühne wird 70, das Café Keese 40. Ein Vergleich der traditionsreichen Kulturstätten.

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Das Publikum: In der Waldbühne wechselt es mit dem Programm. Freiluftfans in Ökosandalen (beim Dalai Lama), Studenten mit hochgestelltem Kragen-Shirt (bei Robbie Williams), Familienclans mit Piccolo und Käseigel (Oldie-Nacht). Akademiker mit Kandelabern und karierten Decken (Philharmoniker). Es gibt ein Gefälle: Oben sitzen die Alten, die sich die 88 Stufen hoch und runter sparen – unten stehen die Groupies.

40 plus – da fangen die Menschen an, ins Café Keese zu gehen. Dass in der Regel mehr Frauen als Männer an den Tischtelefonen warten, stört den Eigentümer H. Joachim Ludwig nicht. Seine Weisheit: „Wo Frauen sind, kommen immer Männer hin.“ Das Keese mag die West-Berliner Institution sein, inzwischen kommen die Autos auf dem Parkplatz aber auch aus Potsdam, Beelitz, Cottbus.

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Der Dresscode: Was in der Waldbühne gar nicht geht: Abendkleidung, Stöckelschühchen, viel zu viel Parfum (Mücken! Bienen!). Generell gilt folgende Bauernregel: Mit dem ersten Musikton fällt der erste Regentropfen, und nach der allerallerletzten Zugabe hört der Regen wieder auf. Eine Regenjacke hat man immer im Gepäck. Altkleidung ist nur bei der Rocky-Horror-Picture-Show angesagt, denn die Panade aus Wasser, Mehl und Reis überleben die wenigsten Outfits.

Im Café Keese heißt es: „Jeans und Turnschuhe haben bei uns keine Chance.“ Schon beim Eingang bittet ein Schild um „Abendgarderobe oder mindestens sportlich-elegant“.

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Der Verhaltenskodex: In der Waldbühne ist fast alles erlaubt: Knutschen, tanzen, baggern, rumstehen, grölen. Ungünstig: In den Wald pinkeln, denn da stehen immer kräftige Herren in roten Jacken, die einen Schäferhund an der Leine haben und knurren: „Na, junger Mann, Klo nicht gefunden?“ In letzter Zeit werden die Vorschriften immer restriktiver: Strenge Eingangskontrolleure suchen nach Flaschen und Waffen. Kühlboxen dürfen nicht mit in die Arena.

Im Keese gilt das Motto: Die Damen sollen sich in diesem roten Plüschparadies als Damen fühlen. Grapschen ist tabu. Und wer sich beim Tanzen zu sehr an den Körper des Partners presst, wird von einem der Kellner zur Ordnung gerufen. Im Keese haben die Damen die Wahl – zur vollen Stunde dürfen für zehn Minuten inzwischen auch die Herren zum Tanz auffordern. Stammgäste kennen aber Tricks, wie man das umgeht. Durch einen Anruf bei der Dame des Herzens zum Beispiel: „Hey, ich bin auch noch da, willste mich nicht auffordern?“

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Der Partykracher: In der Waldbühne alles, was Feuerzeug-kompatibel ist. Bei Konzerten gilt: Lautstärkepegel hoch (aber nur bis 22.30 Uhr, sonst maulen die Anwohner), Arme in die Luft und dann das – schnipps! – Feuerzeug anmachen, bis es glüht. Was für ein Bild in der Nacht, 22 000 flackernde Lichter! Bei manchen Veranstaltungen werden auch Wunderkerzen abgebrannt (Philharmoniker).

Udo Jürgens ist im Keese ein Garant für eine volle Tanzfläche, auch alles von Peter Alexander. Ansonsten kommt laut Ludwig „was Schmusiges“ immer gut an, besonders bei denen, die sich gerade frisch verliebt haben. „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ beispielsweise. Als Renner gilt im Keese der wöchentliche Seniorentanztee, wenn das durchschnittliche Alter auf 70 plus hochschnellt. Dann werden an der Garderobe nicht nur die Mäntel, sondern auch die Gehstöcke abgegeben. „Die jungschen Käfer fühlen sich hier nicht so wohl“, sagt Ludwig. Das ist auch gut so, denn so gibt es keinen Ärger.

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Der größte Star: Oh, da kommt es, was die Waldbühne betrifft, zu einem Streit der Generationen! Opa sagt: „Nach dem Krieg, 1948, der Boxkampf von Max Schmeling.“ Vater sagt: „Nein, ein wirklich bewegendes Erlebnis war die Trauerfeier für Kurt Schumacher, 1952.“ Mutter sagt: „Quatsch, die Rolling Stones, 1965, ein Wahnsinnsabend.“ Die große Schwester sagt: „Bob Marley, 1980, wie im Rausch.“ Der Bruder sagt: „Metallica, 2006, nur hart.“ Die kleine Schwester sagt: „Der größte Star kommt erst im September – Pete Doherty.“

Im Café Keese herrscht in dieser Frage Einigkeit: „Das war natürlich Kevin Spacey“, sagt Ludwig. Vor zwei Jahren hat der Hollywoodstar hier den Film „Beyond the Sea“ gedreht. Prominenz kam vor allem ins Café, wenn Produzent und Hausbesitzer Horst Wendlandt seine Premieren feierten: Otto, Loriot, Jack White, Pierre Brice… Schauspieler Bud Spencer konnte sich vom Keese gar nicht mehr trennen. „Der ist im Sessel stecken geblieben“, sagt Ludwig.

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Die Verpflegung : Ist in der Waldbühne in erster Linie – teuer („Zwei Bier kosten dann zwölf Euro, plus vier Euro Pfand“). Zweitens: Ist man endlich am Platz, ist das Bier entweder warm (wegen der Hitze), verwässert (wegen des Regens) oder gar nicht mehr drin („Ich habe Sie doch gar nicht angerempelt!“). Besser: Hinterher die kleine Kneipe am S-Bahnhof Pichelsberg.

Die Damen im Keese wissen, was der Chef meint, wenn er sagt: Kochen ist lästig und beschert nur Probleme. Im Keese gibt’s gegen den Hunger deshalb Schinken- und Käsestullen, Salzstangen und Nüsschen. Gut gehen das „Damen-Gedeck“ (Piccolo „Prinzesschen“ und ein Glas Orangensaft für 9,30 Euro) und das „Herren-Gedeck“ (Pils und Piccolo für 11,10 Euro). Dafür ist der Eintritt frei.

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Die Fakten: Die Waldbühne wurde 1936 neben dem Maifeld errichtet, in einer Schlucht der Murellenberge. Architekt war Werner March, der das gesamte Olympiagelände mitkonzipierte. Vier nackte Figuren mit Eichenkränzen, Schwert und Fackeln links und rechts der Tribüne zeigen deutlich, in welcher deutschen Epoche die Waldbühne mit ihren 22 000 Plätzen entstand.

Das Charlottenburger Café Keese, Bismarckstraße 108, wurde 1966 von Bernhard Keese gegründet. Das Haus mit dem Tanzlokal im Erdgeschoss hatte unter anderem Produzent Horst Wendlandt gebaut. Berühmtheit erlangte Keese mit einer Erfindung, die er „Ball paradox“ nannte. Seitdem fordern hier die Damen die Herren auf. 1989 übernahm H. Joachim Ludwig das Café. 1992 ließ Ludwig 135 Tischtelefone installieren. Im Keese gibt es 15 Angestellte, 700 Sitzplätze an 135 Tischen.

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Die Aussichten: In der Waldbühne gibt es erst einmal ein „Taschenlampenkonzert“ am 8. September, im nächsten Jahr mehr Klassik – und auch ein „paar große Nummern“, mehr wird nicht verraten.

Im Café Keese soll es bleiben wie es ist, mit Singletreff, Tanz nach Sternzeichen und Discotime bei Kerzenschein. Derzeit wird Schwiegersohn Frank, 45 Jahre alt und gelernter Kellner, auf die Geschäftsübernahme vorbereitet. Das Wichtigste kann er schon: „Er kommt bei den Damen sehr gut an“, sagt der Chef.

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