Berlin : Jean-Luis Dumas-Hermès: Ein Pferd kann keine Anzeigen lesen

Elisabeth Binder

Er kommt zu spät und hat schon vorher wissen lassen, dass er keine persönlichen Fragen beantwortet. So viel Snob Appeal leisten sich sonst nur Hollywood Stars, aber sein Charme bügelt es rasch wieder aus. Jean-Luis Dumas-Hermès steht einem Unternehmen vor, das für viele Hollywood Stars gearbeitet hat, so eine Art Hoflieferant der demokratischen Neuzeit also. Berlin kennt er seit 1961, als er im Quartier Napoléon als Soldat stationiert war. Nun eröffnet er eine eigene Dependance auf dem Kurfürstendamm. Seine Frau Rena hat sie gestaltet mit einem hübschen Lichthof und einem Scheinwerferdesign, das an Hermès-Muster erinnert.

Der Chef des Luxusunternehmens (er selbst nennt es "Qualitätsunternehmen") besitzt ein absolut bezauberndes Notizbuch, rot und flach mit wunderschönen kleinen Bildern, gefüllt mit Gedanken in zierlicher Handschrift, die dem finanziellen Erfolg des Unternehmens eine gleichermaßen poetische wie philosophische Basis geben. Die steile Aufwärtstendenz der Ertragsbilanzen unter seiner Ägide wirkt eindrucksvoll. Da aber Demut zu den Familientugenden zählt, führt er das nicht auf seine Management-Fähigkeiten zurück ("Das Wichtigste ist, sich mit Leuten zu umgeben, die besser sind als man selbst"). Was er zu sagen hat, klingt zunächst ziemlich konservativ, aber je ausführlicher er die Familienwerte erläutert, desto zeitloser hören sie sich an. Fast so zeitlos wie die Kult-Objekte, die das Unternehmen herstellt, die Kelly Bag zum Beispiel, auf die auch Stars oft lange warten müssen, obwohl der Preis schon mal fünfstellig sein kann, oder die Carrés, die viereckigen Seidentücher, von denen jedes eine eigene Geschichte erzählt.

Auch in den Zeiten der Globalisierung bleibt Hermès ein Familienunternehmen mit einer traditionsreichen Kultur, mit der sich erstaunlich viele jüngere Mitarbeiter identifizieren können. Diese Kultur verbindet das Ziel, perfekt zu sein, mit dem Wissen, dass Perfektion niemals zu erreichen ist. Sie zieht ihren Anspruch auf die Zukunft aus dem ständigen Bewusstsein, wo die Anfänge lagen. Thierry Hermès, der Gründer des Unternehmens, wurde in Krefeld in eine Hugenottenfamilie geboren und ging nach Napoleons Ende nach Paris, wo er Pferdezubehör herstellte. Noch heute gilt das Pferd in dem Unternehmen, das ohne eigene Marketingabteilung auskommt, als der beste Lehrer. "Ein Pferd kann keine Werbeanzeigen lesen. Aber es kann fühlen, was hart und was weich ist, was gut und was schlecht riecht." Drei Stunden am Tag verbringt Monsieur in den Studios der Designer, ermutigt hier, korrigiert dort, damit die Qualität (und der Familiengeist) in jedem Stück erhalten bleiben.

"Man hat viel mit Materialien zu tun, die älter werden als der Mensch. Warum will man etwas Schönes machen? Es ist eine Art nach der Ewigkeit zu greifen." Der Durst nach Schönheit ist über die Menschheit verbreitet. In einer Gruppe von Menschen wird es immer welche geben, die Tapferkeit besser verstehen als andere oder Eleganz oder Intellekt. Das gleiche gilt aus seiner Sicht für jene Kunden, die die Hermès-Botschaft verstehen. "Als Handwerker hat man viel Zeit zum Denken," erklärt er die philosophische Note seiner Familienkultur. Das Ende dieses Jahrhunderts ist für sein Unternehmen viel besser als der Anfang. Am Anfang galten Ingenieure etwas, die ganze Industrialisierung. Jetzt, da das Individuum seine Renaissance erlebt, werde Handwerkskunst wieder viel mehr gefragt.

Die vereinbarte Gesprächszeit ist schon lange überschritten, da macht er - strahlend - doch ein, wie er meint, sehr persönliches Geständnis. "Ich habe vier Enkel", sagt er und zählt auf, wie alt sie sind. Um den Fortgang der Tradition muss man sich also keine Sorgen machen. Trotz rosiger Aussichten nimmt er die Herausforderung, künftigen Generationen ein wohl bestelltes Feld zu hinterlassen, ernst. Er liebt sie wie den Berg, der aus der Ferne gleichzeitig erreichbar und unbezwingbar aussieht. Dabei ist es ihm wichtig, dass die Arbeit spielerisch geschieht. "Wir lachen ganz viel", sagt er und fügt hinzu. "Wir sind wie die Tänzerin, die sehr viel übt und sich auf der Bühne dann so leicht bewegt wie eine Feder."

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