Berlin : Jede Flosse zählt

Inventur im Sea-Life-Aquarium: Wenn Brassen und Makrelen ein Fotofinish hinlegen

Thomas Loy

Die Goldbrassen und Makrelen ziehen ihre zahllosen Kreise durch das ringförmige Schwarmbecken. Immer im Uhrzeigersinn, bei konstantem Tempo. Würde man anfangen, sie zu zählen, müsste man nie wieder aufhören. Die Unendlichkeit der reellen Zahlen wäre auf Basis naturnaher Beobachtung endlich bewiesen.

Martin Hansel, der im Piranhatempo sprechende „Displays Supervisor“ – übersetzt: Aquariumsleiter –, hat kein Interesse an der Unendlichkeit. Deshalb hat er ein Gitter in das Becken geschoben, den Schwarm gestoppt und das sich anbahnende Fischverkehrschaos auf einem Foto fixiert. An seinem Schreibtisch konnte er dann in Ruhe die bewegungslos gewordene Fischmasse auszählen: 505 Brassen und 167 Makrelen.

Einmal im Jahr ist Inventur im Sea-Life-Aquarium am Dom-Aquaree in Mitte. Alle Bewohner in den 34 Bassins der Anlage werden erfasst und katalogisiert. Es ist ein Datenabgleich zwischen Soll und Haben, wie er in der Natur üblicherweise nicht vorkommt. Die Fischzählung diene der Anpassung von Futtermengen und Filteranlagen, heißt es in der Presseinformation. Fisch-Supervisor Hansel rückt das ein wenig zurecht. Eigentlich gehe es um die „Zoolizenz“ und die darin festgeschriebene Datenqualität. Der Zoolizenznehmer muss ein „Bestandsbuch“ führen, in dem Zu- und Abgänge genau festgehalten werden. Dieses Fischmelderegister wird mit der Inventur aktualisiert und dann an die Aufsichtsbehörde, das Bezirksamt Mitte, weitergeleitet. Dort ruhen die Daten dann bis zur nächsten Inventur.

Hansel und sein Aquaristen-Team haben schon verschiedene Zählmethoden durchprobiert. Das Fotofinish erwies sich bislang als die genaueste. Weniger erfolgreich war die Umdrehungszählung. Dabei fixiert Mitarbeiter A einen bestimmten Fisch und verfolgt ihn, während Mitarbeiter B an einem festen Punkt die vorbeiziehenden Artgenossen zählt. Bei mehrfacher Anwendung lagen die Ergebnisse weit auseinander.

Im großen Ozeanbecken macht Hansel einen Tauchgang, weil sich in den vielen Höhlen und Nischen gerne Lippfische oder Katzenhaie verstecken. In den kleineren Becken stellt sich einfach ein Aquarist vor die Scheibe und zählt schneller, als die Fische schwimmen. Sein Ergebnis wird mit vier weiteren Kontrollzählungen anderer Aquaristen verglichen. Der Mittelwert ist dann der aktuelle Fischbestand: 3768 Tiere. Im Vorjahr waren es rund 4000. Knapp 200 Brassen wurden laut Bestandsbuch an befreundete Aquarien abgegeben. Und die paar Dutzend Strandkrabben hat der einzige Octopus der Anlage aufgefressen. So viel ist sicher.

Sea Life, Spandauer Straße 3, Mitte, täglich von 10 bis 18 Uhr.

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