Berlin : Jede Menge Geschichten ausgegraben

Das Berliner Jahrbuch der Archäologen erinnert auch an die Hausvogtei Friedrich II.

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Das Schicksal eines preußischen Untersuchungshäftlings im frühen 19. Jahrhundert war nirgendwo ein Zuckerschlecken. In der Berliner Hausvogtei aber lief er sogar Gefahr, bei lebendigem Leibe zu verfaulen. Der während der so genannten Demagogenverfolgungen wegen angeblichen Hochverrats 1834 dort einsitzende Dichter Fritz Reuter jedenfalls erlebte Räume, „die so feucht waren, dass einem die Stiefel, die man nicht zufälliger Weise auf den Füßen hatte, vermoderten.“ In seinem niederdeutschen Roman „Ut mine Festungstid“ erzählt er von dem Berliner Gefängnis und dem für seine Verhörmethoden berüchtigten Kriminaldirektor. Heute erinnert nur noch der Name des Hausvogteiplatzes im Bezirk Mitte an die alte Berliner Haftanstalt. In jüngerer Zeit aber fand man in Friedrichswerder, unweit des Schlossplatzes, eine steinerne Reliefplatte mit einer Darstellung des Heiligen Georg im Erdreich, die Archäologen mit der Hausvogtei in Verbindung bringen. St. Georg wurde als Schutzpatron der Gefangenen verehrt.

Der Fund taucht jetzt im Jahrbuch „Archäologie in Berlin und Brandenburg“ auf, das die Archäologische Gesellschaft mit den Denkmalämtern beider Länder herausgibt – eine alljährliche Bilanz dessen, was das Erdreich an längst Versunkenem wieder freigegeben hat. Der Platz, in dessen Nähe die Reliefplatte geborgen wurde, verdankt seinen Namen indirekt Friedrich II., der das königliche Hofgericht, die Hausvogtei, 1750 vom Werder in ein Stallgebäude an der abgetragenen Bastion III verlegen ließ. Bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts diente die Hausvogtei als Untersuchungsgefängnis des Hofgerichts. 1891 erwarb die Reichsbank das Gelände und ließ die Haftanstalt abreißen, um Platz für die Erweiterung des Bankgebäudes zu schaffen.

Oft sind es Rohrverleger, Fundamentgießer, Baurestauratoren, die bei ihrer Arbeit auf solche historischen Schätze stoßen. In Berlin haben im Vorjahr vor allem Grabungen in Kirchen und Kapellen die Archäologen beschäftigt. Sie waren zur Stelle, als die mittelalterliche Heilig-Geist-Kapelle an der Spandauer Straße saniert wurde und im Erdreich Gräber gefunden wurden. Eine der entdeckten Grabplatten ist heute in den Fußboden der Kapelle eingelassen. Auch bevor die sanierte Ruine des Grauen Klosters der Franziskaner der Öffentlichkeit übergeben wurde, erkundeten Archäologen das Gotteshaus – und fanden heraus, dass es ursprünglich größer geplant war.

In diesem Jahr sollen das Viertel rund um die Klosterkirche der Franziskaner und der Molkenmarkt archäologisch untersucht werden, kündigte Landesarchäologin Karin Wagner bei der Vorstellung des Jahrbuchs an. Auch seien im Zusammenhang mit dem Abriss des Palasts der Republik und der Anlage der Grünfläche Grabungen geplant. Beabsichtigt seien außerdem Grabungen am Spandauer Burgwall, die Untersuchung eines ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers in Schöneweide sowie einer eisenzeitlichen Siedlung in Buchholz. ac/casp

„Archäologie in Berlin und Brandenburg“ . Konrad Theiss Verlag; Stuttgart. 164 Seiten, 142 Abbildungen, 26,50 Euro

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