Berlin : Jede Menge Hörenswürdigkeiten

CD rein, Hörer auf: Mit dem Audio-Guide von Anja Schneider und Jörn Handschke geht es auf Tour durch Berlins Musikszene

Nana Heymann

Es hat ein bisschen was Geheimnisvolles, so als ob man sich auf eine Schatzsuche begibt. „Wir treffen uns beim großen Baum am Hackeschen Markt“, sagt die Frau am Telefon freundlich, aber bestimmt. Und schon hat sie wieder aufgelegt. Ein Hauch von Abenteuer liegt in der Luft.

Die Frau, die zum Abenteuer lädt, heißt Anja Schneider, und der Schatz, den man mit ihr sucht, ist keine Truhe voller Gold, sondern die Club- und Musikgeschichte Berlins, die Ecken und Orte, an denen sich zu Beginn der 90er Jahre junge Kreative trafen, um die Hauptstadt der Republik in ein ansprechendes Klanggewand zu kleiden. „Berlin Sounds“ heißt deshalb auch der Titel des Audio-Stadtführers, mit dem Anja Schneider zur Erkundungstour lädt.

„Wir zeigen keine klassischen Sehenswürdigkeiten. Das Ganze ist eine Tour, die ein junges Publikum ansprechen soll. Es geht um den Klang der Stadt, um Musik und die Menschen dahinter“, sagt Anja Schneider. Sie hat den Rundgang gemeinsam mit einem dreiköpfigen Autorenteam zusammengestellt. Und auch wenn sie die Strecke während der Arbeit an der CD bereits etliche Male abgelaufen ist, so bleibt sie auch bei diesem Treffen vor bestimmten Orten immer wieder gedankenverloren stehen, so, als würde dann vor ihrem inneren Auge ein eigener Film abfahren.

Tatsächlich ist es so, denn die Arbeit an diesem Projekt war für Anja Schneider auch ein Rückblick auf ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Werdegang. Die zierliche Frau mit dem mädchenhaften Äußeren gehört zu jenen, die in den letzten Jahren das Klangbild der Stadt geprägt haben. 1993 zog die gebürtige Bergisch Gladbacherin, die sich über ihr Alter mit einem charmanten Lächeln ausschweigt, von Köln nach Berlin und fasste hier schnell als Radiomoderatorin Fuß. „Ich bin da so reingerutscht, das war eigentlich eher Zufall“, sagt sie mit einer ungespielten Bescheidenheit.

Aus diesem Zufall heraus entwickelte sich eine Leidenschaft, getrieben von der Liebe zur elektronischen Musik. Anja Schneider erfand und organisierte das „Love Radio“, jenen DJ-Marathon, der die Love Parade aus dem „Café Schoenbrunn“ im Volkspark Friedrichshain begleitete. Auf dem Jugendsender Radio Fritz hat sie seit fünf Jahren ihre eigene Musiksendung „Dance Under The Blue Moon“. Zudem organisiert sie in Clubs wie dem Watergate oder dem WMF regelmäßig Partys, bei denen sie selbst an den Plattentellern steht. Erst vor kurzem erschien ihre Debüt-Single „Tonite“, und nun hat die eifrige Elektronik-Expertin auch noch ihr eigenes Label „Mobilee“ gegründet, als Plattform für junge Künstler. „Elektronische Musik war schon immer mein Steckenpferd – seit ich mir meine erste Platte von Kraftwerk gekauft habe“, sagt Anja Schneider.

Wegen ihres Engagements für die Musikszene wurden auch die Initiatoren von „Berlin Sounds“ auf sie aufmerksam. „Wenn man sich in Berlin mit elektronischer Musik beschäftigt, dann stößt man ziemlich schnell auf Anja Schneider. An ihr führt einfach kein Weg vorbei“, sagt Jörn Handschke, der die Idee zum Projekt hatte und die Musikliebhaberin schnell dafür gewinnen konnte. Gemeinsam haben sie die Strecke am Hackeschen Markt und seinen Seitenstraßen zusammengestellt, vorbei an Orten wie dem Plattenlabel „BPitch Control“, dem mittlerweile geschlossenen Kulturzentrum „Eimer“ oder dem Büro des Videodesignkollektivs „Pfadfinderei“.

„Wir zeigen jungen Menschen Hörenswürdigkeiten. Die Tour verbindet wichtige Orte der hauptstädtischen Subkultur mit dem speziellen urbanen Sound Berlins“, sagt Handschke. Dass sich Anja Schneider für eine Mitarbeit begeistern ließ, öffnete ihm viele Türen, die zuvor verschlossen schienen: „Viele sind der Idee erst skeptisch begegnet und konnten sich darunter gar nichts vorstellen. Die Macher vom WMF-Club wollten anfangs beispielsweise gar nicht mit uns reden. Erst als Anja Schneider die Sache in die Hand genommen hat, klappte das dann auch“, sagt der 28-Jährige anerkennend.

Anja Schneider selbst hatte während der Arbeit an der Tour etliche Déjà-vu-Erlebnisse: „Es gab Geschichten, an die ich mich gar nicht mehr richtig erinnern konnte und die erst während der Arbeit wieder hochkamen“, sagt sie. Es sind Geschichten aus einer Zeit, als etwa das damals noch gänzlich unbekannte DJ-Kollektiv Jazzanova im „Delicious Donuts“ schüchtern und verlegen an seinem mittlerweile international bekannten Nu-Jazz-Musikstil feilte, oder Sänger und Frauenschwarm Maximilian Hecker sein Brot noch als Straßenmusiker vor den Hackeschen Höfen verdiente. All diese Anekdoten präsentiert Anja Schneider in einem nostalgischen Rückblick – und diese Erinnerungen sind dann auch der Schatz, den man findet, wenn man sich mit ihr auf die Zeitreise durch Berlins Subkultur begibt.

Berlin Sounds ist im Handel erhältlich, man kann sich die Audio-Tour aber auch unter www.megaeinsverlag.de für 7 Euro als MP3-Datei herunterladen

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