Berlin : Jede Menge Kohle

Tarifstreit mit Todesfolge: die Moabiter Unruhen von 1910

Andreas Conrad

In ihrem Wagen waren die vier englischen Journalisten ins umkämpfte Moabit gefahren, um sich selbst ein Bild von den Unruhen zu machen, die vor wenigen Tagen dort ausgebrochen waren. In der Turmstraße hatten sie beobachtet, wie die Polizei Demonstranten in den Kleinen Tiergarten trieb: „Plötzlich schrie ein Mann in Zivil, zweifellos ein Geheimpolizist: ,Hierher! Dreinhauen!‘ In diesem Augenblick stürzten schon sechs Schutzleute mit hochgeschwungenen Säbeln auf uns zu und schlugen auf uns ein, obwohl wir sofort aufgestanden waren und ihnen zugerufen hatten, dass wir englische Pressevertreter seien.“ Der lokale, auf wenige Straßen begrenzte Konflikt hatte plötzlich internationale Dimensionen angenommen. Der preußische Innenminister bat sogar Berliner Journalisten, mäßigend auf die britischen Kollegen einzuwirken – vergebens. „Wie die Wahnsinnigen“ seien die Polizisten vorgegangen, telegraphierte etwa der Korrespondent der „Daily News“.

Die Moabiter Unruhen von 1910 werfen ein Schlaglicht auf die sozialen Konflikte, die unter der glänzenden Oberfläche des Wilhelminismus verborgen waren. Entzündet hatten sie sich an einem Tarifstreit bei der Kohlenhandlung Kupfer & Co., Eigentum des Mülheimer Großindustriellen Hugo Stinnes. Die Leitung der Firma in der Sickingenstraße lehnte die Forderungen ab und stellte Streikbrecher ein. Die ersten Auseinandersetzungen ließen nicht lange auf sich warten: Am 23. September kam es zu Steinwürfen auf einen Kohlentransport, Polizei schritt ein. Am nächsten Tag waren 3000 Demonstranten auf den Beinen, die eingesetzte Hundertschaft der Polizei zog blank, es gab erste Verletzte. Jetzt eskalierte der Konflikt von Stunde zu Stunde, nahm bald bürgerkriegsähnliche Formen an. Über 1000 Polizisten wurden schließlich eingesetzt, die neben Säbeln bald auch Pistolen einsetzten. Auf einzelne Schüsse antworteten sie mit ungezielten Salven, in der Nacht auf den 28. September etwa wurden auf die oberen Stockwerke des Hauses Wittstocker Straße/Ecke Rostocker Straße etwa 40 Schüsse abgegeben.

Selbst die liberale Presse zeigte anfangs für die Krawalle wenig Verständnis, lastete sie nicht den Streikenden, sondern dem Pöbel an, schließlich seien unter den Festgenommenen viele Obdachlose, Bettler, Halbwüchsige und sogar Dirnen. Angesichts der erbärmlichen Lebenssituation in den Mietskasernen und der sich immer weiter verschlechternden wirtschaftlichen Lage ihrer Bewohner blieb diese Unterscheidung aber fragwürdig.

Am 29. September flauten die Unruhen ab. 104 Beamte hatten Verletzungen erlitten, bei den Demonstranten waren es offiziell 150, wahrscheinlich weitaus mehr. Zwei Arbeiter erlagen ihren Verletzungen, 14 erhielten Haftstrafen. Die Lohnerhöhung kam später dann doch – und eine Belohnung von 10 000 Mark für die verletzten Beamten. Der Stifter hieß Hugo Stinnes.

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