Berlin : Jede Woche sterben zwei Berliner an Aids

Das HI-Virus breitet sich in der Stadt schneller aus als anderswo im Land 420 Menschen infizierten sich 2006 mit der Immunschwächekrankheit

Christoph Stollowsky

Berlin - Nirgends in Deutschland breitet sich die tödliche Immunschwächekrankheit Aids so schnell aus wie in Berlin. Im Jahr 2006 infizierten sich nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts und der Berliner Aids-Hilfe rund 420 Berliner mit dem HI-Virus – 2004 waren es noch 350. Die Zahl der bundesweiten Neuinfektionen stagnierte 2006 hingegen nach vielen Jahren des Anstiegs erstmals „auf hohem Niveau“. Ein Hauptgrund für die Zunahme in der Stadt sei die „wachsende Sorglosigkeit gegenüber HIV“, sagte gestern der Geschäftsführer der Aids-Hilfe, Kai-Uwe Merkenich. Zugleich forderte er einen „Aids-Aktionsplan“ für Berlin. Merkenich: „Es reicht nicht mehr, auf Plakaten mit dem Kondom zu winken. Wir müssen künftig sehr viel differenzierter aufklären und genau untersuchen, weshalb Schutzmechanismen versagen.“

Aids-Aktionspläne gibt es bereits unter der Regie der Bundesregierung und der Europäischen Union (EU) für Deutschland und Europa. Bundesweit wurden die Finanzmittel zur HIV-Prävention in diesem Rahmen 2007 aufgestockt, in Berlin aber eingefroren. Angesicht der neuen Entwicklung müsse man aber nun neue Aufklärungsstrategien entwickeln, fordert die Aids-Hilfe. Nach 25 Jahren Aids in der Bundesrepublik werde die Krankheit zur Normalität. „Was wir heute sparen, müssen wir später in die Betreuung Schwerstkranker investieren.“

Die Aids-Statistik für 2007 liegt noch nicht vor, doch auch ein Blick aufs Vorjahr zeigt das Ausmaß der Bedrohung. Ende 2006 lebten knapp 10 000 HIV-Infizierte in Berlin, das waren 15 bis 20 Prozent aller Infizierten bundesweit. 2004 gab es in Berlin noch 7500 Infizierte. Zu den Berliner Betroffenen gehörten im vergangenen Jahr neben der großen Mehrheit der Männer rund 800 Frauen und 50 Kinder. Die meistgefährdete Risikogruppe sind nach Angaben des Robert- Koch-Institutes weiterhin schwule Männer, gefolgt von Drogenabhängigen. Jeden Tag gibt es in Berlin eine Neuinfektion, schätzt die Aids-Hilfe. Und jede Woche sterben zwei Berliner an Aids.

Insgesamt fielen der Krankheit im vergangenen Jahr 75 Berliner zum Opfer. Aufgrund der stark verbesserten Behandlungsmethoden ist diese Zahl die geringste seit vielen Jahren. 2004 gab es noch 100 Todesfälle, und in den Neunziger Jahren starben jährlich bis zu 300 Menschen in Berlin an Aids.

Der medizinische Fortschritt hat allerdings eine Kehrseite: „Das Bedrohungsgefühl nimmt ab“, sagt Epidemie-Experte Osamah Hamouda vom Robert-Koch-Institut. Die Bereitschaft, sich zu schützen, habe deutlich abgenommen. Dabei wiegten sich die Menschen aber in falscher Sicherheit. Man könne zwar ein relativ langes Leben mit HIV ermöglichen, ein Impfstoff und Medikamente zur vollständigen Heilung seien aber auch in den nächsten zehn Jahren noch nicht zu erwarten.

Positiv werten die Experten hingegen, „dass immer mehr Menschen zum Aids- Test gehen.“ Dadurch würden mehr Ansteckungen entdeckt. Auch das ist nach Angaben der Aids-Hilfe ein Grund, weshalb die Zahlen in Berlin weiter zunehmen und dafür die Dunkelziffer vermutlich geringer wird. Allerdings sei diese Entwicklung auch in anderen Ballungsgebieten ähnlich.

Mit ihrem traditionellen Trauerzug will die Berliner Aids-Hilfe am 30. November – am Vorabend des Welt-Aids-Tages – an die Berliner Opfer der Epidemie seit Anfang der Achtziger Jahre erinnern. Der Zug führt von der Bülowstraße zum Potsdamer Platz.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben