Berlin : Jede zweite Stele bröckelt

Studie listet Schäden am Holocaust-Mahnmal auf Ob und wann Risse ausgebessert werden, ist unklar

Johannes Radke

Fast die Hälfte der 2711 Betonstelen des Holocaust-Mahnmals nahe dem Brandenburger Tor ist offensichtlich beschädigt. Das hat ein vom Politikmagazin „Cicero“ beauftragter Gutachter festgestellt. Rund 40 Prozent der 1361 betroffenen Stelen haben deutliche Risse von mehr als 0,2 Millimeter Breite, heißt es darin. Damit gelten die Schäden laut der Studie als erhebliche technische Mängel. Nach Aussage des Gutachters Joachim Schulz könnten Betonteile abbrechen, wenn Wasser in die Pfeiler läuft und gefriert. Eine einzelne Stele wiegt zwischen acht und 16 Tonnen. Gefahr für die Besucher bestehe aber nicht. Bei den anderen Stelen seien die Risse so dünn, dass sie nur als optische Mängel gelten. Der entstandene Schaden wird laut der Studie auf 100 000 bis 200 000 Euro geschätzt. Schulz, der das Denkmal in den vergangenen Wochen begutachtet hat, ist Lehrbeauftragter für Bauschäden an der Technischen Fachhochschule Berlin und vereidigter Sachverständiger für Sichtbeton. Die genaue Ursache der Risse ist laut der Expertise bislang unklar.

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurde von der Studie überrascht. „Die Begutachtung fand ohne unser Wissen statt“, sagte Stiftungssprecherin Felizitas Borzym. Die Stiftung wollte sich zu den Ergebnissen des Gutachtens zunächst nicht äußern. „Wir warten erst noch auf die Ergebnisse unserer eigenen Studie vom Herbst 2007.“ Momentan verhandele die Baufirma mit dem Bezirk über die Schäden. Alle Risse über 0,1 Millimeter fallen unter die Gewährleistungspflicht und müssen von der Baufirma kostenlos repariert werden, hieß es. „Wir hoffen, dass im Frühjahr die Reparaturen beginnen werden“, sagte Borzym. Laut der für den Bau der Gedenkstätte verantwortlichen Firma Geithner Bau aus Wilhelmshaven steht aber noch nicht fest, ob und wann Schäden behoben werden. „Was die Reparaturen der Stelen angeht, sind wir mit der Mahnmal-Stiftung und dem Bezirk bisher nur im Gespräch“, sagte der Geschäftsführer Wodo Rothert dem Tagesspiegel. Im Mittelpunkt der Diskussion stehe die Frage nach der Optik: Beim Füllen der Risse mit einem bereits getesteten Kunstharzstoff seien die Reparaturen optisch sichtbar geblieben.

Vor einem Jahr waren bereits an rund 450 Stelen Schäden festgestellt worden. Die Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas wurde von dem amerikanischen Architekten Peter Eisenman entworfen und 2005 fertiggestellt. Für den Bau des gesamten Denkmals hatte der Bund knapp 27 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Kosten nur für das Stelenfeld beliefen sich auf 13,9 Millionen Euro. Das 19 000 Quadratmeter große Grundstück mit einem Schätzwert von 40 Millionen Euro stellte die Bundesregierung kostenlos zur Verfügung. Das Mahnmal wurde im vergangenen Jahr mit dem international anerkannten Architekturpreis des American Institute of Architects ausgezeichnet. Bisher haben mehr als acht Millionen Menschen die Gedenkstätte besucht.Johannes Radke

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