Berlin : Jeden Abend Angst

Ein Kleingärtner erzählt, was er seit 15 Jahren als Gefängnis-Nachbar ertragen muss

Tanja Buntrock

Statt Drogenlieferungen von draußen in den Knast gab es diesmal laute Musik aus dem Knast nach draußen. Oliver B., einer der Kleingärtner, die ihre Lauben direkt an der Mauer der Jugendhaftanstalt Plötzensee haben, nennt das Ganze eine üble Posse. „Die haben ihre Stereoanlage am Sonntag ans Zellenfenster gestellt, voll aufgedreht und uns von 22 Uhr bis Mitternacht mit Popmusik beschallt.“ Vielleicht, vermutet Oliver B., war es die Rache dafür, dass wegen des Medienrummels um den Justizskandal momentan die Kuriere nichts über die Mauern schmuggeln können.

Oliver B., Trainingshose und Poloshirt, sitzt mit seinem Vater Jochen, 68, Vorsitzender der Kolonie, in seiner Laube und redet sich in Rage. Endlich können sie das, was sie seit 15 Jahren von den Terrassen ihrer Kleingärten beobachten und erdulden müssen, an die Öffentlichkeit bringen. Endlich, sagen sie, hört ihnen jemand zu.

Vor 15 Jahren habe alles angefangen. Damals sei es „nur die tägliche Lärmbelästigung“ gewesen. Das Prozedere hatte eine feste Choreografie: Ein Wagen fuhr vor, ganz nah heran an die Gefängnismauer. „Dann stieg eine Großfamilie aus und hat hochgebrüllt zu einem ihrer Verwandten hinter Gittern“, erzählt Jochen B. Egal, ob es Winter oder Sommer war, tagsüber oder nachts. Immer wieder hätten sich die Kleingärtner über den Lärm bei der Anstaltsleitung beschwert. Doch passiert sei nicht viel. Nur einmal vor etwa zehn Jahren: Da kam jemand aus der Justizbehörde auf die Idee, mehrere tausend Fensterschlösser für die Zellen zu kaufen. Doch die dürfen laut Anstaltsleitung nicht 24 Stunden am Tag vor den Zellenfenstern angebracht sein. Denn jeder Gefangene habe das Recht, zu lüften. Alles andere verstoße gegen die Menschenwürde, sagen die Gefängnispsychologen.

Vor fünf Jahren, sagt Oliver B., seien die Drohungen gegen die Laubeninhaber immer massiver geworden. Mittlerweile hatte sich herumgesprochen, dass man nicht nur ungestört an der Gefängnismauer brüllen, sondern auch Päckchen hinüberwerfen konnte: Handys, Drogen oder einfach die tägliche Döner-Lieferung für die Insassen. Alles wurde an die Wurfleine geknotet. Dafür kletterten die Kuriere ohne zu fragen auf die Laubendächer. Sobald sich ein Bewohner beschwert habe, sei er bedroht worden. Entweder mit Worten („Hau ab oder wir zünden deine Hütte an“), oder aber „die jungen Männer öffneten kurz ihre Jacke und ließen die Pistole im Hosenbund zum Vorschein kommen“, erzählt Oliver B. „Da kann man nicht viel machen“, sagt sein Vater. Am schlimmsten sei gewesen, als die Kuriere bei einer Schmuggelaktion Oliver B.s Hund Rocky mit Benzin übergossen hätten. „Ich konnte gerade noch verhindern, dass sie ihn anzünden“, sagt B. Seither habe er einen „neuen besten Freund“: seinen Baseballschläger – immer griffbereit. Tanja Buntrock

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