Berlin : „Jeden Monat vier neue Lieder“

Berlins Vorschulkinder sprechen immer noch schlecht Deutsch – dabei gibt es längst Konzepte für eine bessere Sprachförderung in den Kindertagesstätten

Susanne Vieth-Entus

Am Freitag ist es soweit: Bildungssenator Klaus Böger (SPD) stellt den ersten umfassenden Bericht zum Sprachstand der künftigen 30 000 Erstklässler vor. Die Befunde des so genannten Bärenstark-Tests sind streng geheim. Durchgesickert ist nur, dass sich nicht viel geändert hat seit den Sprachuntersuchungen der letzten Jahre: Die meisten ausländischen Kinder sprechen schlecht Deutsch – selbst nach vielen Kita-Jahren.

Dennoch gibt es Positives zu vermelden. Die Hiobsbotschaften der vergangenen Jahre sind nicht spurlos an den Kitas vorübergegangen: Seit Mitte der 90er Jahre haben Erzieherinnen in Kreuzberg und Wedding – besonders in Kindergärten der Arbeiterwohlfahrt – von sich aus versucht, den Problemen etwas entgegenzusetzen.

Wie aber geht man etwa an eine Kitagruppe heran, in der zehn türkische, vier arabische, drei polnische und zwei deutsche Kinder sitzen? Zu den ersten, die darauf Antworten suchten, gehörte das Kreuzberger „Institut für kreative Sprachförderung und interkulturelle Sprachförderung“. Gemeinsam mit Erzieherinnen entwickelte es Anleitungen für den Kita-Alltag. Ausgangspunkt war immer die Überlegung: Was sollen Kinder können, um nicht von vornherein aus sprachlichen Gründen in der Schule zu scheitern?

Katerina Gotsou ist eine jener Erzieherinnen, die eine solche Fortbildung absolviert haben und ihr Wissen ans Kind bringen können. Sie ist überzeugt, dass an den Kitas viel mehr für die Sprache der Kinder getan werden könnte, wenn sich alle Erzieherinnen speziell darum kümmern würden. Begeistert zeigt sie das dicke Buch, dass sie aus ihrer Fortbildung mitgebrachte hat. Dort ist genau erklärt, wie man den Wortschatz der Kinder systematisch erweitern kann, indem bestimmte Themen wie „Körper, Sinne, Familie, Essen, Tiere, Bauernhof, Wetter“ angesprochen werden. Dazu werden die wichtigsten Verben, Substantive, Lieder und Abzählreime genannt, die bei der Erschließung des Themas hilfreich sind: „Jeden Monat vier neue Lieder“, heißt Katerina Gotsous Devise.

Außerdem versucht die Erzieherin etwas zu schaffen, was sie eine „freundliche Sprachathmosphäre“ nennt. Dazu gehört, mit den Kindern bewusst und intensiv zu reden, sie beim Sprechen anzusehen, sie zum Sprechen zu animieren, weniger mit knappen Anweisungen oder mit Zeichensprache zu arbeiten – auch wenn’s länger dauert. Und sie versucht, den Eltern klar zu machen, dass die Kinder vorm Fernseher kein Deutsch lernen.

Warum aber hat es so lange gedauert, bis die großen Defizite der Kitas und der Erzieherausbildung in Sachen „Sprachvermittlung“ zutage kamen und gegengesteuert wurde? Immerhin begann die türkische Zuwanderung vor 40 Jahren. „Bis Mitte der 90er-Jahre waren die Probleme nicht so groß“, sagt Maria Lingens, Kita-Fachberaterin der Arbeiterwohlfahrt. Damals habe es auch in der Innenstadt meist noch genügend deutsche Kinder gegeben. Dann aber begannen deutsche Familien verstärkt, nach Brandenburg oder in die Außenbezirke umzuziehen.

„Plötzlich war Deutsch nicht mehr die Spielsprache“, erinnert sich Maria Lingens. Das ganze Ausmaß der Misere wurde der Öffentlichkeit allerdings erst bewusst, als Wedding 1999 die ersten systematischen Sprachstandsmessungen initiierte. Da erst reagierte die Politik (siehe auch nebenstehenden Kasten). Inzwischen hat der Nach-Pisa-Reformeifer von den Schulen auf die Kitas übergegriffen – endlich.

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