Berlin : Jeder Arbeitsplatz trägt einen Namen

Die Beschäftigten der Spandauer Firma CNH kämpfen um ihre Jobs, die nach Italien verlegt werden sollen

Rainer W. During

Nein, weihnachtlich zumute ist ihnen nicht: Zum Nikolaustag haben gestern rund 300 Mitarbeiter des Spandauer Baumaschinenherstellers CNH (Case New Holland) ihre Schuhe vor die Tür gestellt. „Frohe Weihnachten – Das zieht uns die Schuhe aus“, steht auf einem Transparent. Die Belegschaft protestiert gegen die geplante Verlegung der Produktion nach Italien. Drinnen begann gerade eine Gesprächsrunde des Betriebsrates mit Vertretern der Geschäftsleitung.

Die insgesamt rund 500 Beschäftigten tragen Schilder mit ihren Namen, der Dauer der Betriebszugehörigkeit und der Zahl ihrer Kinder – und der Frage: „Bald arbeitslos?“ Viele sind wie Peter Zagorski (49) seit Jahrzehnten im Werk. „Die Leute haben alles gegeben“, sagt der Zuschneider, der hier vor 34 Jahren seine Lehre begonnen hat. Der Staakener hat drei Kinder, das jüngste ist seit der Geburt behindert.

Menderes Demirezer hat ebenfalls drei Kinder, ist seit 24 Jahren dabei und arbeitet in der Wareneingangskontrolle. „Alles o.k.“ steht auf dem Rücken seiner schwarzen Weste. Das war einmal, die Weste stammt noch aus der Zeit des Traditionswerkes Orenstein & Koppel, das sich vor 105 Jahren hier ansiedelte und 1985 noch mehr aus 1000 Mitarbeiter zählte. „Man hätte es bei dem Markennamen belassen sollen“, meint Frank Wolter, 51 Jahre und zwei Kinder, aus Buckow. Der Elektriker, seit 21 Jahren im Betrieb, trägt ein Holzkreuz. „Es ist ein Desaster, wir hängen vollkommen in der Schwebe“.

Peter Lohse aus dem Unterwagenbau war vor 30 Jahren als 17-Jähriger der jüngste Geselle bei O & K. Er wohnt mit seiner Familie nur ein paar Schritte von der Fabrik entfernt. Bei der Protestaktion trägt er ein Weihnachtsmannkostüm und einen Sack mit Zetteln. „Urlaub im Harz statt Hartz IV“ steht darauf zu lesen und „Wer löffelt die Suppe aus?“

„Wir haben in den letzten beiden Jahren schwarze Zahlen geschrieben, sagt Lutz Stieler aus Mahlow, der im Schulungszentrum arbeitet. „Es geht den Italienern nur darum, die Arbeitsplätze im eigenen Land zu sichern“. Dort sei Ministerpräsident Berlusconi „knallhart“, Subventionen bekomme nur, wer Arbeitsplätze im eigenen Land erhält.

Die Fiat-Tochter CNH hat das Traditionsunternehmen Orenstein & Koppel 1998 vom Krupp-Konzern übernommen. Es gab rund 13 Millionen Euro Fördermittel, die der Senat jetzt zurückfordern will. Das 1876 gegründete Unternehmen hatte im Jahr 1900 unweit des heutigen Standortes an der Staakener Straße eine „Weichenbau und Baggeranstalt“ gegründet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die teilweise zerstörte und dann demontierte Fabrik innerhalb von vier Jahren wieder aufgebaut und schnell zu einem Spandauer Vorzeigebetrieb. Hier entstand die umfangreichste Fertigung von Hydraulikbaggern in Deutschland, geworben wurde mit dem Slogan „Auf echte Berliner ist immer Verlass“. Damit soll jetzt Schluss sein. Die Mitarbeiter hoffen auf ein Einlenken der Konzernleitung. Als Mahnung heften sie ihre Namensschilder an den Fabrikzaun.

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