Berlin : Jeder denkt mal dran

Selbstmord ist ein Thema – auch für Berliner Jugendliche

Bianca Weber,Sandra Dassler

Von Bianca Weber

und Sandra Dassler

Dass zwei Menschen sich treffen, um gemeinsam ihr Leben zu beenden, versteht Susanne Rüdiger (19) nicht. „Ich bin jung und will mein Leben genießen“, sagt sie. Mit dieser Lebensfreude bestreitet sie auch ihren Schulalltag am Oberstufenzentrum für Wirtschaft, Verwaltung und Handel in Kreuzberg. Am vergangenen Wochenende waren zwei Jugendliche am Teufelsberg zusammen in den Tod gegangen. Sie hatten sich zuvor im Internet kennengelernt.

Auch Andrea K. (17) und Irina B. (21) wirken unbeschwert, wie sie in der Herbstsonne vor der Schule stehen. Doch die Vorstellung einer Verabredung zum Freitod im Internet versetzt Andrea eine Gänsehaut. Irina sagt: „Es ist schlimm, wie weit es schon geht. Das scheint eine Art Mutprobe zu sein.“ Der Tod sei für sie nicht ernsthaft von Bedeutung. Im Spaß sage sie mal zu einem Freund, ich könnte dich umbringen. Aber nicht mehr.

Esther Baumgart (24) fragt sich, wie die Hemmschwelle von Menschen so sinken könne, dass sie sich umbringen. Grausam. Allein schon solche Gedanken. Sie spreche im Freundeskreis nicht über das Thema. „Solche Äußerungen von Leuten, die man kennt, nimmt man nicht für voll“, sagt sie. Meistens seien die Gedanken auch nicht extrem, so ihre Mitschülerin Eva Radtke (19). Das könne dann jeder mit sich allein ausmachen.

Zwei 17-jährige Mädchen im Foyer dagegen diskutieren häufiger über den Freitod. „Es ist schwachsinnig, aber wenn wir Probleme haben, überlegen wir uns, ob wir Schluss machen sollen“, sagt die eine. Das sei aber nur so dahergesagt. „Erst letzte Woche haben wir davon gesprochen.“ „Erst gestern“, korrigiert die Freundin.

Worüber die beiden scherzen, erlebte Emel Yücel (17) wirklich. „Ein Kumpel von mir hat sich vor drei Jahren umgebracht. Er ist aus Liebeskummer vor einen Zug gesprungen.“ Keiner der Freunde hätte das erwartet, weil der 19-Jährige sehr lebensfroh war. Sie ist betroffen, als sie an das Erlebnis zurückdenkt. Todesgedanken seien aber leider in den Köpfen von vielen Jugendlichen.

Solche Gedanken hatte auch ein Klassenkamerad von Uwe Montendruck (21) – mit tödlichem Ausgang. „Im April ist der Junge von einem Haus gesprungen. Er war irgendwie ein Einzelgänger, aber dennoch recht lebenslustig.“ In der Klasse hätten sie nicht über den Vorfall gesprochen. „Die Lehrer waren ziemlich perplex und wussten mit der Situation nicht richtig umzugehen.“ Nähere Informationen seien zu den Schülern nicht durchgedrungen. Ein Mädchen hätte erfahren, dass der Junge zuerst im Krankenhaus gewesen sei, wohl auf Entzug, dann wurde sein Tod bekannt.

Welche Probleme plagen diese Jugendlichen? René Schenk (21) vermutet, dass manche aufgrund von schlechten Schulnoten oder Liebeskummer nicht mehr leben wollen. Aber wirklich vorstellen könne er sich das nicht. Auch Richard Frauendorf (18) war noch nie in einer aussichtslosen Situation. Zum Thema Freitod sagt er deshalb: „Wie kann man nur so doof sein und sein Leben verlieren wollen?“ Geradezu feige findet Jessica Urban (21) das. Sie beschäftige sich nicht näher mit dem Thema. Und in ihrem Freundeskreis seien alle „normal“.

Pädagogen berichten allerdings aus ihrer Erfahrung, dass sich gerade in der Pubertät viele mit Suizidgedanken beschäftigen. „Ich teile die Meinung der Psychologen, dass Heranwachsende in dieser Hinsicht besonders gefährdet sind“, sagt Erdmute Safranski: „Da wird manchmal etwas zum unlösbaren Problem, was ein paar Jahre später nur noch ein Schmunzeln auslösen würde.“

Die Neuköllner Gymnasiallehrerin spricht aus trauriger Erfahrung: „Vor ungefähr fünfzehn Jahren ist eine 17-jährige Schülerin von mir von einem Hochhaus gesprungen. Sie war ein lebenslustiges, selbstbewusstes Mädchen, hatte keine Probleme in der Schule – wir waren alle fassungslos.“ Weder die Lehrerin noch die Eltern oder Mitschüler der 17-Jährigen hatten irgendwelche Veränderungen bemerkt. „Die berühmten Signale gab es einfach nicht“, sagt Erdmute Safranski. „Vielleicht war es ja auch Liebeskummer, wie bei so vielen. Aber ich bin mir ganz sicher, dass das Mädchen dieses Problem nur zu diesem Zeitpunkt für nicht lösbar hielt. In der Klasse haben wir darüber geredet, warum sie sich nicht geöffnet hat.“

Der Selbstmord eines Mitschülers ist immer ein einschneidendes Ereignis, auf das die Lehrer spontan reagieren müssen. Jürgen Gutheil, der zehn Jahre als Schulleiter arbeitete und jetzt Schulrat für Haupt-, Real- und Gesamtschulen in Charlottenburg-Wilmersdorf ist, sagt: „Die Kollegen kommen gar nicht umhin, auf solche Ereignisse einzugehen. Die Jugendlichen bringen solche Geschehnisse wie das am Teufelsberg ja mit in die Schule und wollen darüber reden.“

Foren wie der Internet-Chat, in dem sich die beiden jungen Selbstmörder kennengelernt hatten, sind den Schülern am Kreuzberger Oberstufenzentrum fremd. „Ich habe schon vieles im Netz gesehen“, sagt Uwe, „aber keine Verabredungen zum Selbstmord.“

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