Berlin : Jeder ist süchtig

Im Alleingang: Stefan Jürgens in der Premiere von „Relativ komischer Stoff“

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Er ist einer der bekanntesten deutschen Comedians und Schauspieler. Unter der Regie von Guntbert Warns steht Stefan Jürgens ab heute in dem Solostück „Süchtig!“ in der Arena auf der Bühne. Der amerikanische Autor Mark Lundholm schildert darin die Grausamkeit der Sucht – und verpackt seine bitterbösen Wahrheiten als knallharte Comedy.

Mark Lundholm behauptet von sich selbst, er sei „Amerikas bekanntester ExSüchtiger… na ja, nach George W. Bush vielleicht“. Verarbeitet er in dem Stück „Süchtig“ seine eigene Suchtkarriere?

Die Geschichte von Mark Lundholm ist die eines Menschen, der sich in seinem Leben einige Süchte hinter sich gelassen hat. In seinem Stück „Addicted. A Comedy of Substance“ beschreibt er seinen Werdegang. Schon in jungen Jahren war er alkoholabhängig, dann drogensüchtig. Er kam in die Entziehungsklinik, als er schließlich clean war von den toxischen Stoffen, wurde er fresssüchtig. Danach computerabhängig, schließlich sportsüchtig – er ist jeden Tag in die Bodybuilder-Studios gerannt. Als er sich davon losgerissen hatte, fing er mit Comedy an: Er hat 50 Wochen im Jahr gespielt – war also süchtig nach Auftritten.

Es geht also nicht nur um harte Drogen. Sind wir denn alle Junkies?

Das Stück zielt auf ein Suchtverhalten grundsätzlicher Natur ab. Diese mentale Fixierung, sei es auf Heroin, Heineken oder Homeshopping. Die provokante Behauptung ist: Im Grunde genommen hat jeder mit Sucht zu tun.

„Relativ komischen Stoff“ verspricht nun die deutsche Erstaufführung. Ist Humor die beste Therapie?

Humor kann eine Waffe sein. Wenn es ganz schlimm wird, macht man Witze. Lundholms Humor ist ein Art Überlebenstaktik. Und es ist bestimmt eine Selbsttherapie, die hier stattfindet. Der Mann sagt klare Dinge, die böse sind, die schmerzen, die wahr sind.

Lundholm tourte durch Entzugskliniken und Gefängnisse mit seinem Solostück. Er hat den Vorteil der Glaubwürdigkeit. Sie spielen nun eine Kunstfigur. Wie wollen Sie das Publikum überzeugen?

Nicht, indem ich der nette Junge bin. Wenn Lundholm selbst auftritt, hat es diese heldenhafte Komponente: Er hat die Sucht besiegt. Wir setzen dagegen auf das Sezieren der Figur. Und auf eine hohe Dosis an harter, gnadenloser Komik. Für den Regisseur Guntbert Warns und mich bleibt er ein Gefährdeter.

Welche Sucht haben Sie denn überwunden?

Ich habe das Glück gehabt, dass ich bestimmte giftige Süchte nicht erleben musste. Aber als Schauspieler ist man ja süchtig nach Erfolg, Anerkennung und Aufmerksamkeit.

Das klingt ja fast selbstkritisch! Zieht es nur Menschen zur Bühne, die an einem Aufmerksamkeitsdefizit laborieren?

Blödsinn! Aber den Beruf kann man natürlich nicht machen ohne eine große Egozentrik. Ich war mit 14 schon der Klassenclown. Aber da litt ich schrecklich unter der Pubertät, wusste nicht, wer ich war – das hat sich dann in einer übertriebenen Aufmerksamkeitssucht geäußert – mit dem Effekt, dass mich erst recht keiner leiden konnte. Aber das wurde dann besser. O je, ich oute mich hier. Aber Ihr habt alle Dreck am Stecken!

Spenden Sie jetzt öfter mal einen Euro in der U-Bahn?

Ich habe mich öfters dabei ertappt, dass ich es nicht getan habe.

Das Gespräch führte Sandra Luzina

„Süchtig! Relativ komischer Stoff“ von Mark Lundholm, Premiere heute um 20.30 Uhr, Glashaus der Arena

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