Berlin : Jeder jubelt für sich allein

Im Olympiastadion feierten die Fans von Hertha BSC und Galatasaray Istanbul lieber getrennt

Ozan Sakar

So viele Kopftücher waren im Olympiastadion wohl noch nie zu sehen. Kopftücher und rote Fahnen mit Halbmond. Genau wie tags zuvor am Berliner Flughafen Tegel herrschte in der Westkurve, wo sich tausende türkischer Fans eingefunden hatten, riesige Freude beim Einlaufen der Stars von Galatasaray Istanbul auf den Rasen des Olympiastadions. Und genau wie am Tag zuvor kannte die Euphorie keine Grenzen, als ihr großes Idol, der Fußballer Hakan Sükür, den Innenraum betrat, um sich warm zu machen. „Hakan, Hakan“- Sprechchöre, so laut und intensiv, dass der Star sich erst mal zu jeder Kurve, in der die gelb-roten Farben besonders stark vertreten waren, begab, um sich artig zu bedanken.

Einer von den rund 10 000 Begeisterten ist Bülent, 23, aus Wedding. Vor der Partie seht er mit seinen Kumpels in der Schlange vor dem eigens für türkische Anhänger eingerichteten Ticket- Stand. Um ihn herum tragen junge, attraktive Türkinnen Baseball-Mützen und Trikots von „Cimbombom“ – das ist der Kosename für Galatasaray. Ganze Familien sind gekommen, verschwitzte, genervte Väter und Mütter mit Kopftüchern. Es werden Fan-Gesänge angestimmt. Bülent begeistert sich an der Atmosphäre: „Ich freue mich seit Tagen auf dieses Spiel“, sagt er und fügt hinzu: „Eigentlich bin ich sonst nicht für Galatasaray. Aber heute möchte ich einfach nur mit vielen Landsleuten das Spiel genießen.“

Die sind aus dem gesamten Bundesgebiet angereist, um ihren Stars beim Abschiedsspiel von Eyjölfur Sverrisson, der beim Istanbuler Lokalrivalen Fenerbahce aktiv war, und dem langjährigen Hertha-Kapitän Michael Preetz die Daumen zu drücken. Beide hatten sich für ihr Abschiedsspiel die Mannschaft von Galatasaray als Gegner gewünscht. Allerdings fällt auf, dass Istanbul- und Hertha-Fans nicht gemeinsam feiern. Zwar gibt es an diesem Nachmittag keine Berührungsängste, doch beide Fan-Lager bleiben unter sich. „Nein, ich gehe nicht zu den Heimspielen von Hertha“, erzählt Bülent, „da sind mir zu viele radikale Fans.“ Er selbst sei schon einmal angepöbelt worden, sagt er. Das war bei einem Pokalspiel zwischen Berlin und Chemnitz, es liegt aber schon zehn Jahren zurück. Damals hatten ihn ein paar Kerle gefragt, was er denn hier wolle – als Türke. Und dann schütteten sie ihm ein Bier über den Kopf.

Sicherlich standen Hertha-Fans in der Vergangenheit oft in schlechtem Ruf, gleichwohl sind rassistische Sprüche, Parolen oder körperliche Attacken weniger geworden. Aus den Köpfen der Berliner Türken ist das offenbar aber nur schwer wieder herauszubekommen.

Zu diesem Klischee kommt bei vielen Türken ein weiterer Punkt hinzu, der sie dem Stadion fernbleiben lässt: „Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich Hertha einfach nicht“, sagt Bülent, für den sich die Situation schlagartig ändern könnte: „Also wenn Ilhan Manziz oder ein anderer Star aus der Türkei in Berlin spielen würde, wäre das natürlich was anderes. Dann würde ich sicherlich öfter kommen.“

Hertha hat sich da schon oft Gedanken gemacht. Ein Türke in Berlin? Na klar, das müsste gehen. Dann kommen die Fans aus Kreuzberg, aus Schöneberg, aus allen Stadtteilen. Dann herrscht diese besondere Atmosphäre. Passiert ist bislang nichts. Die Vorurteile bleiben. Auf beiden Seiten.

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