Berlin : Jeder kämpft für sich allein

Ein Iaido-Kämpfer sieht martialisch aus: Er trägt Kampfdress und hantiert mit einer rasiermesserscharfen Waffe. Doch sein Sport ist alles andere als gewalttätig – wie das Beispiel des Schwert schwingenden Müllmanns Wim van Mourik zeigt.

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Von Anke Nolte

Morgens spritzt er im Tonnenhof der BSR die Müllbehälter ab. Essensreste fliegen ihm ins Gesicht, beschmutzen seine orangefarbene Arbeitskleidung. Es stinkt. Er hält den Schlauch wie nach Feierabend das Schwert: mit aller Konzentration und trotzdem entspannt. Am Abend betritt er den Übungsraum in einer Kreuzberger Fabriketage, zieht sich seinen schwarzen Kampfanzug an und lässt sein Schwert mit exakten Schnitten durch die Luft sausen. Ruhig führt er es in die Scheide zurück. „Es ist nicht wichtig, was man macht, sondern wie man es macht“, sagt Wim van Mourik. Der 53-Jährige versucht, alles mit der gleichen Achtsamkeit und Freude zu tun – egal, ob als Müllmann oder Iaido-Lehrer.

Iaido? Das ist ein Sport, der mit der ursprünglich schärfsten Waffe der Welt ausgeführt wird, dem Schwert der Samurai. Doch heute gilt der Kampf beim Iaido nicht mehr dem Gegner, sondern dem eigenen Ich. Es geht darum, das Ego zu treffen und zu zerschneiden. Ein Gedanke aus dem Zen-Buddhismus, eine Wurzel des Iaido. „Kampf dem Krampf“, sagt Wim dazu lakonisch. Er verbessert sich: „Eigentlich lernt man beim Iaido, das Kämpfen aufzugeben, sein Selbst zu sammeln und seine Wahrnehmung zu schärfen.“ So hat Mourik den ganz eigenen Blick auf sein Ich gefunden: „Als Müllwerker helfe ich, die Stadt vom Dreck zu befreien, und als Iaido-Lehrer helfe ich meinen Schülern, sich von dem zu befreien, was sie hemmt.“

Aufmerksam beobachtet der kleine, drahtige Mann seine Schüler, sieht kleinste Fehler. Er korrigiert Kopf- und Fußstellung, die Schwerthaltung um Zentimeter. Und verliert gleichzeitig nicht den Blick für die innere Qualität der Bewegung: „Nicht so hastig bitte, ihr müsst mit dem Herzen länger dabei sein.“ Je schärfer das Schwert, desto konzentrierter muss man sein, um weder sich selbst noch andere zu verletzen. Weil das deutsche Waffenrecht scharfe Schwerter in öffentlichen Räumen nicht erlaubt, üben die Iaido-Schüler mit Waffen, die nicht geschliffen sind. Die sind gefährlich genug, so dass alle Schüler die Bewegungsabläufe für sich alleine üben und sich den Gegner nur vorstellen. Ein echtes, Hand geschmiedetes japanisches Schwert – das Katana -, ist der Traum eines jeden Iaidokas. Wim – er hat inzwischen den 5. Dan und war einmal Deutscher Meister – hat sich eines in Japan gekauft, für 10 000 Euro. „Damit kannst du ohne Probleme Metall durchschneiden, und du siehst keinen Kratzer an der Klinge, nichts.“ Zeigen will er sein Schwert aber nicht, eigentlich noch nicht einmal zugeben, dass er eines besitzt. Denn die Kampfkunst Iaido will er nicht in Verruf bringen. Er betont: „Wir sind friedvolle Krieger." Iai bedeutet: sich der Situation entsprechend verhalten, ganz da sein. Und Do, das ist der Lebensweg, die persönliche Ausbildung: lernen, immer achtsam und aufmerksam zu sein. Und darin kann man sich ein ganzes Leben lang üben. Iaido sei keine Instantsoße, sagt Wim: angerührt und fertig.

Mit Rühren kennt sich Wim van Mourik aus. Denn er ist ausgebildeter Koch. Den Beruf hat er aber nicht in einem Restaurant oder Hotel gelernt. Vielmehr ist der gebürtige Holländer mit 14 von zu Hause abgehauen, fuhr zur See und landete in der Schiffsküche. „Erst habe ich Töpfe gespült, dann das Brotbacken gelernt und die Konditorei, schließlich war ich erster Schiffskoch." Wim blieb auf dem Meer, bis er 21 Jahre alt war. Dann folgten zwei Jahre als Koch beim niederländischen Militär. Und auch, nachdem ihn seine Frau nach Deutschland gelockt und er sich bei der BSR beworben hatte, arbeitete er zunächst in der Kantine. Als Müllwerker verdiente er schließlich mehr als beim Kochen. Die Mülltonnen heben, das betrachtete er als Training mit Gewichten, um körperlich fit zu bleiben und um seine Atemtechnik zu verfeinern. Doch im Winter 2000 knackste es im Rücken: ein Bandscheibenvorfall. Er, der gerne hart arbeitet und trainiert, musste nun lernen, mit den dumpfen Schmerzen klarzukommen. Er arbeitet jetzt als „leistungsgeminderter“ Kollege bei der BSR und säubert die Tonnen ab. Beim Iaido pflegt er nicht nur durch ein Gymnastikprogramm seinen Rücken. „Ich lerne auch mental, über meinen Schmerzen zu stehen.“ Er ist eben eine Kriegernatur, kämpft mit sich selbst und gegen seine Schmerzen.

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