Berlin : Jeder vierte Vorschüler spricht zu schlecht

Förderung in Kitas soll besser werden – 566 Kinder müssen zum Pflichtkurs Bildungssenator und Türkischer Bund bekräftigen Zusammenarbeit

Susanne Vieth-Entus

Jedes vierte Berliner Vorschulkind spricht so schlecht Deutsch, dass es eine intensive Förderung braucht. Dies ist das Ergebnis des aktuellen Sprachtests „Deutsch Plus“, an dem über 25 000 künftige Erstklässler teilnahmen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) kündigte gestern an, die Sprachförderung weiter zu stärken. Als „Bündnispartner“ habe er dabei den Türkischen Bund auf seiner Seite, sagte Böger. Um dies zu unterstreichen, präsentierte der Senator die Testergebnisse zusammen mit Eren Ünsal, der Sprecherin des Türkischen Bundes.

Dabei wurde deutlich, dass bei der Sprachförderung noch mehr als bisher zu tun ist: Obwohl inzwischen 95 Prozent der Vorschüler eine Kita besuchen, sind die Deutschkenntnisse nicht viel besser geworden. Allerdings sehen die Ergebnisse der 1140 Kinder, die keine Kita besuchen, noch schlechter aus: Von ihnen spricht nicht nur jedes vierte, sondern sogar jedes zweite schlecht Deutsch.

Bögers Verwaltung hat auch untersucht, wie sich die Ergebnisse der Kinder deutscher und nichtdeutscher Herkunft unterscheiden. Demnach brauchen selbst unter den 18 000 deutschen Kindern über zwölf Prozent eine Sprachförderung. Unter den 7500 Migrantenkindern sind es 56,5 Prozent.

Den schlechtesten Befund gibt es bei den Migrantenkindern, die keine Kita besuchen: Hier haben fast 80 Prozent große Deutschdefizite. Bei den Deutschen dieser Gruppe immerhin noch 27,7 Prozent. Als Konsequenz hat der Senat beschlossen, dass das letzte Kitajahr ab 2007 beitragsfrei sein soll: Er hofft, dass auf diese Weise alle Kinder erreicht werden.

Um die Erzieherinnen bei ihrer Aufgabe zu unterstützen, hat die Jugendverwaltung ein so genanntes Lerntagebuch entwickelt. Über 100 000 Exemplare davon lässt Böger jetzt drucken und an alle Kitas verteilen. Sie sollen dazu dienen, die Fortschritte der Kinder zu dokumentieren. Außerdem hat die Jugendverwaltung mit den Kita-Trägern Qualitätsvereinbarungen abgeschlossen: Sie verpflichten sich, das „Berliner Bildungsprogramm“ umzusetzen, das konkreter als bisher üblich feste Elemente der Kitaarbeit festschreibt. Böger bezeichnete das Bildungsprogramm als „bundesweiten Exportschlager“.

Eren Ünsal kündigte an, dass der Türkische Bund die türkischen Eltern weiter ermuntern will, sich mehr für Bildungsthemen zu interessieren. Gleichzeitig kritisierte sie, dass die Sprachdefizite oft einseitig als ethnisches Problem bezeichnet würden, obwohl es auch ein soziales sei, was an den Defiziten bei deutschen Kinder zu erkennen sei.

Als Konsequenz aus Deutsch Plus müssen ab Montag die 566 Kinder, die schlecht abschnitten und keine Kita besuchen, verpflichtende Sprachkurse besuchen. Sie werden wohnortnah auf 80 Kurse an Schulen verteilt. Einzelne Kinder, die zu weite Wege hätten, können diesen Pflichtkurs auch an Kitas absolvieren. Er umfasst 285 Förderstunden: Bis zu den Sommerferien an jedem Wochentag drei Stunden.

Mieke Senftleben von der FDP bezeichnete die Deutsch-Plus-Ergebnisse als „desaströse Bilanz für den Schulsenator“ und forderte für die Kitas „ Personal, das die Sprachförderung professionell durchführen kann“. Auch Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen meinte, es nütze nichts festzustellen, dass 95 Prozent der Kinder eines Jahrgangs die Kita besuchen: Nötig sei eine konsequente materielle und personelle Verbesserung in den Kindertagesstätten.

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