Berlin : Jedermanns Fest

Hunderttausende waren am Wochenende auf den Beinen und feierten Tage der offenen Tür und die Lange Nacht der Museen

Sebastian Leber[Matthias Oloew],Lars von T&#24

Das Konzept ist denkbar einfach und immer sehr erfolgreich: Öffne deine Türen, und die Menschen strömen. So war es auch an diesem Wochenende. Hunderttausende Menschen waren auf den Beinen, um sich zum Beispiel die offenen Bundesministerien anzuschauen, bei der Langen Nacht der Museen dabei zu sein oder im Deutschen Theater den Beginn der neuen Saison zu feiern.

Im Kanzleramt wiederholten sich gestern die Bilder vom Sonnabend: Schon morgens vor der Öffnung bildete sich eine lange Schlange am Eingang. Wartezeiten gab es aber auch bei den anderen Stationen. Wer das Anstehen auf sich nahm, bekam viel Persönliches von den Hausherren zu hören, zum Beispiel im Finanzministerium: Da plauderte Hans Eichel über seine Berliner Studentenzeit, den privaten Umgang mit Geld („Ich vermeide es, mein Konto zu überziehen“) und seine Oldtimer-Sammelleidenschaft: „Aber nicht, was sie jetzt denken – nur solche im Maßstab 1:18 oder 1:43!“ Dem wollte Familienministerin Renate Schmidt in nichts nachstehen und lud hochoffiziell zum „Personality Talk“.

Trotz aller Beteuerungen im Vorfeld, der Tag der offenen Tür habe nichts mit Wahlkampf zu tun, konnten sich die Politiker einige spitze Bemerkungen in Richtung Opposition nicht verkneifen. Bauminister Manfred Stolpe kritisierte, manche hielten den Westen offenbar für „das reinste Paradies“ und den Osten für „das reinste Elend“; Regierungssprecher Béla Anda erklärte beiläufig, er könne es sich in seinem Job nicht erlauben, „brutto und netto zu verwechseln“. Und Hans Eichel nahm das Steuerkonzept des unionsnahen Finanzexperten Paul Kirchhof auseinander: Teile davon seien „grob ungerecht“.

Die Besucher hörten aufmerksam zu, interessierten sich ansonsten aber eher für das Unpolitische. Im Finanzministerium etwa verirrte sich kaum jemand zum Infostand für „Nationale und internationale Finanzmarkt- und Währungspolitik“. Einen Stand weiter rechts herrschte dagegen großes Gedränge – dort wurden Gedenkmünzen zur Fußball-WM verkauft. Und im „Dialogzelt“ des Kanzleramts, wo Redemitschriften, Programme und Geschäftsberichte der Bundesregierung auslagen, waren vor allem die Autogrammkarten des Kanzlers gefragt. Insgesamt kamen zu beiden Tagen der offenen Tür nach Angaben des Bundespresseamts rund 150000 Besucher – in etwa so viele wie im vergangenen Jahr.

Auch die 18. Auflage der Langen Nacht der Museen war nach Angaben des Museumspädagogischen Dienstes ein voller Erfolg. 40000 Kombi-Eintrittskarten wurden verkauft, in den 120 teilnehmenden Häusern wurden rund 200000 Besucher gezählt. Das heißt: Jeder Museumsnacht-Teilnehmer hat durchschnittlich fünf Stationen geschafft. Neben den Allzeit-Publikumslieblingen – dem Pergamonmuseum und dem Berliner Dom – kamen auch die Neulinge bei der Langen Nacht gut an. So zählte die Akademie der Künste am Pariser Platz rund 5000 Besucher. 10000 Menschen wollten die Nofretete in ihrem neuen Zuhause am Lustgarten sehen. Ebenfalls am Sonnabend fand der so genannte Wedding-Day statt. Auf dem ehemaligen AEG-Gelände wurde dieses Fest zum ersten Mal veranstaltet mit der erklärten Absicht, den Ruf des Stadtviertels zu verbessern.

Theaterszenen, Musik und Blicke hinter die Kulissen bot das Ensemble des Deutschen Theaters, dessen Tag der offenen Tür am Sonntagnachmittag ebenfalls Tausende anzog. Intendant Bernd Wilms und seine Schauspieler begrüßten die Besucher mit einer Freiluft-Persiflage auf den „Jedermann“, wofür sie den Balkon über dem Theatereingang zur Bühne umfunktionierten. Gut gelaunte Familien und ältere Stammgäste des Hauses schauten sich dann hinter den Bühnen um, begutachteten die frisch renovierten Kammerspiele oder ließen sich in phantasievollen Kostümen fotografieren. Die Kinder ließen sich von Kostümbildnerinnen in Fabelwesen verwandeln, spielten Detektiv oder reisten auf eine Raumstation, während die Erwachsenen beim Bier Jazz- und Popbands lauschten, im Saal alten Aufnahmen von Max Reinhardt zuhörten oder sich von Mitarbeitern durch das verwinkelte Haus führen ließen. Den ganzen Tag über gab es auf den beiden Bühnen des Theaters Ausschnitte aus aktuellen Inszenierungen zu sehen, auf dem Vorplatz spielten bis zum späten Abend Musikgruppen. Das Motto zum Sonntag, das auch über den anderen Veranstaltungen des Wochenendes stehen könnte, gab Bernd Wilms aus: „Jedermann gibt hier ein Fest, und seid alle unsre Gäst’.“

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