Berlin : Jedes dritte Berliner Kind lebt von Hartz IV

Hauptstadt liegt damit bundesweit an der Spitze An armen Familien geht der Aufschwung vorbei

Sigrid Kneist

Mehr als jedes dritte Kind in Berlin lebt inzwischen von Hartz IV. Nach Angaben der Senatssozialverwaltung erhalten rund 144 000 von etwas mehr als 400 000 Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren Sozialgeld, 10 000 mehr als Ende 2005. Nach einer Studie des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe wachsen 37 Prozent der Kinder in Haushalten auf, die auf Arbeitslosengeld II (ALG II) für die erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder und Sozialgeld für die Kinder angewiesen sind. Laut Studie ist in Berlin die Quote mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Nur in Sachsen-Anhalt und Bremen liegt sie auch über 30 Prozent. Für Institutsgeschäftsführer Paul Schröder zeigen die Zahlen, dass es für Familien mit Kindern schwer ist, aus dem Bezug von ALG II herauszukommen: „An diesen Familien geht der Aufschwung vorbei.“ Langzeitarbeitslose profitierten noch nicht von der Erholung des Arbeitsmarktes.

In Berlin erhalten 325 000 Bedarfsgemeinschaften ALG II, davon sind rund 90 000 Haushalte mit Kindern. Wie Roswitha Steinbrenner, Sprecherin von Arbeits- und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei), sagt, ist es besonders wichtig, diesen Kindern die gleichen Chancen wie ihren Altersgenossen zu verschaffen. Deswegen seien Ganztagsschulen sowie ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz auch für Arbeitslose so wichtig. „Dieses gibt es in Berlin“, sagte Steinbrenner. Allerdings wird bei arbeitslosen Eltern meist keine Ganztagesbetreuung bewilligt. Seit der Abschaffung der Lernmittelfreiheit sind bedürftige Eltern allerdings davon befreit, den Beitrag bis zu 100 Euro für die Schulbücher eines Kindes zu zahlen. Steinbrenner wies zudem darauf hin, dass nicht alle Hartz-IV-Haushalte von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Bei vielen Familien sei das Arbeitseinkommen so niedrig, dass zusätzliche Sozialleistungen bezogen werden. Sozialsenatorin Knake-Werner wie auch die Linkspartei fordern deshalb die Einführung eines Mindestlohnes.

„Berlin ist die Hauptstadt der Kinderarmut“, sagt Sabine Walther vom Kinderschutzbund. „Die Stadt muss aufpassen, dass nicht fast eine halbe Generation aussichtslos erwachsen wird.“ Für viele arme Familien sei schon das monatliche Kita-Essensgeld in Höhe von 23 Euro zu viel. Sie schickten ihre Kinder nicht dorthin, obwohl diese es besonders nötig hätten. Laut Oswald Menninger vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ist für Kinder aus Hartz-IV-Haushalten vor allem eine gute Bildung wichtig, damit sie später unabhängig von sozialen Transferleistungen leben können.

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