Berlin : Jedes dritte Kind wird therapiert

Kinderärzte warnen: Sprachliche und motorische Störungen nehmen massiv zu / „Folgen der Verwahrlosung in sozial schwachen Familien“

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Die soziale Verwahrlosung in vielen Stadtquartieren wird zunehmend ein Fall für die Medizin. Jedes dritte bis vierte Kind erhält inzwischen eine Therapie, um geistige oder körperliche Entwicklungsdefizite auszugleichen. Darauf wies gestern der Berliner Landesverband der Kinder- und Jugendärzte bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses hin. Beklagt wird eine „dramatischen Verschlechterung der motorischen, sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten der Klein- und Vorschulkinder“.

Bundesweit gilt als normal, dass etwa jedes zehnte Kind aufgrund körperlicher Defizite eine so genannte Entwicklungstherapie braucht. In Berlin kommen zu diesen Fällen aber noch die vielen Kinder, die in Armutsfamilien leben. Sie werden nach Angaben der Ärzte ungesund ernährt, vorm Fernseher „verwahrt“, nicht ausreichend geimpft und kaum intellektuell gefördert.

Die Schulen weisen seit langem darauf hin, dass viele Erstklässler nicht einmal einen Stift halten können. Auch die sprachlichen Defizite sind kein Geheimnis. Nicht bekannt war bisher aber, dass sich die sozialen Missstände inzwischen auf die Arbeit der Kinderärzte auswirken.

Als alarmierend empfanden die Parlamentarier, was sie vom Spandauer Kinderarzt Ulrich Fegeler zu hören bekamen. Fegeler ist stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er stellte klar, dass Entwicklungsdefizite zwar keine Erkrankung im engeren Sinne seien, aber eine „erhebliche Behinderung“ für den weiteren Lebensweg bedeuten. Um den Kindern zu helfen, bleibt den Kinderärzten kein anderer Weg als die Überweisung zu einem Logopäden oder Ergotherapeuten, der die Sprach- und Wahrnehmungsstörungen zu heilen versucht.

Fegeler warnte allerdings davor, auf diese „Medizinisierung der Pädagogik“ zu setzen. Denn Medizin sei in diesem Bereich eine „schlechte Krücke“. Für Fegeler steht fest, dass die Kindertagesstätten so reformiert und gestärkt werden müssen, dass sie die Versäumnisse der Elternhäuser wenigstens etwas kompensieren können: „Weg von Verwahranstalten – hin zu echten Bildungseinrichtungen“.

Nicht weniger dramatisch als Fegeler beschreiben die bezirklichen Kinderärzte die Lage. Sie warnen seit Jahren vor den Folgen der Verwahrlosung und dem „Verlust von elterlicher Kompetenz“ bei bildungsfernen deutschen und ausländischen Familien. Und sie müssen gleichzeitig mit ansehen, dass in den Gesundheitsämtern Personal wegfällt. Im Problembezirk Mitte etwa mussten deshalb die dringend nötigen Hausbesuche bei Säuglingen eingeschränkt werden.

Wie viel es zu tun gäbe, zeigt die Statistik: Jeder dritte Schulanfänger in Mitte ist nicht ausreichend gegen Hepatitis B geschützt, jedes vierte türkische und jedes achte deutsche Kind ist übergewichtig, jedes dritte ausländische und jedes achte deutsche Kind hat ein so massives Sprachdefizit, dass es dem Unterricht in der ersten Klasse nicht folgen kann. Welche Konsequenzen die Parlamentarier aus alledem ziehen werden, will der Ausschuss in seiner nächsten Sitzung diskutieren Susanne Vieth–Entus

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