Berlin : Jedes Fach hat ein Gesicht

In der Kastanienallee kann man sein eigenes Design an die Massen bringen – für fünf Euro Regalmiete

Arvid Kaiser

Wer den Laden „Luxus International“ an der Kastanienallee betritt, bekommt als Erstes einen roten Lolli geschenkt. Das ist eine Tradition in dem erst drei Jahre alten Geschäft von Sebastian Mücke - und eine Reminiszenz an eine andere Beschäftigung des 37-Jährigen. Als Nikolaus auf dem Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei hat er die Lutscher zum ersten Mal verschenkt.

Als Zweites fällt auf, dass jedes Regalfach sein eigenes Gesicht hat. Nicht nur in dem übertragenen Sinn, dass die ausgestellten Bilder, Kleider, Schmuckstücke und anderen Kleinigkeiten sich im Stil unterscheiden. Auch wörtlich: Auf kleinen Pappkärtchen stellen sich Designer vor, mit einem Foto und einem handgeschriebenen Steckbrief. Darauf steht, seit wann sie in Berlin sind, welcher ihr liebster Platz ist und was das Ausgestellte eigentlich ist. „Mit viel Liebe selbst gemacht“ kann das sein, oder einfach „etwas Schönes“. Umhängetaschen mit alten Schallplatten als Seitenwänden zum Beispiel, oder bedruckte T-Shirts. Wer hier ausstellt, kann seine kleine Verkaufsfläche selbst gestalten. Für fünf Euro im Monat ist ein Bord zu mieten, außerdem geht die Hälfte des Verkaufspreises an den Ladeninhaber.

Die Idee sei ihm vor gut drei Jahren bei einer Kunstausstellung gekommen, erzählt Mücke. „Es gibt viele kreative Leute in Berlin, aber kaum Outlets, in denen sie ihre Sachen verkaufen können.“ Heute nutzen mehr als 100 Designer das Angebot, die meisten davon Amateure. Viele Studenten sind darunter, aber auch ein 16-jähriger Fotograf oder eine 70-Jährige, die Schnappi, das Krokodil, häkelt.

Den Namen des Ladens erklärt der Inhaber so: Luxus sei, „was keiner braucht, aber alle haben wollen“. International war als „heimliche Hommage an die DDR“ gedacht, denn „da gab es so viele Läden, die sich mit dem Namen International schmückten, um zu überdecken, wie provinziell es drinnen war“. Doch dank des Touristenstroms an der Kastanienallee habe er jetzt tatsächlich internationales Flair, meint Mücke.

Berlin-Motive prägen das Sortiment. Der Renner des Jahres 2005 war alles mit Fernsehturm-Motiven. T-Shirts, Anstecker, Frühstücksbrettchen. Dies sei das erste finanziell erfolgreiche Jahr gewesen, erzählt Mücke. Ruhm hatte er aber schon vorher. In einem Berliner Designführer wird Luxus International als „Mutter aller Konzeptläden“ bezeichnet. Seit er den Laden eröffnete, seien schon einige Kopien entstanden, in Mitte, in Hamburg, sogar in Japan. Manche mussten schon wieder schließen, andere sind größer, teurer und professioneller gestylt als das Original.

Ganz dem Kommerz öffnen will Mücke seinen Laden aber nicht. „Auf Firmen mit Präsentierkoffern hab ich keinen Bock“, sagt er. Professionelle Vermarkter gebe es genug, die ihre Serienprodukte in seinem Laden unterbringen wollten. Ihm sei der persönliche Draht zu Künstlern wichtig, die ihr Werk mit Liebe machen. „Du musst schon ein Herz für Menschen haben“, sagt er.

Aber bei Luxus International gibt es doch auch bekannte Marken zu kaufen? Die „Faltplatte“ zum Beispiel, Bastelbögen von Ostberliner Bauwerken? Oder das „Etikettenschwindel“-Duschgel in Sorten wie „Blutbad“? Ja, lächelt Sebastian Mücke stolz. „Die Designerin lebt mittlerweile davon.“ Und nicht nur sie: „So fünf bis zehn“ Aussteller haben sich auf diese Weise selbstständig gemacht.

Luxus International, Kastanienallee 101, Prenzlauer Berg, www.luxus-international.de

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