Berlin : „Jedes Mittel war recht“

Lebenslang für Reinickendorfer Reichelt-Überfall 23-Jähriger hatte einen Wachmann ermordet

Kerstin Gehrke

Der Anblick des Bargelds war für Marico T. der Auslöser. Mit dem Raub wollte er seine finanziellen Probleme lösen – und wurde so zum Mörder. Das stand gestern für das Landgericht fest. Gegen den 23-Jährigen, der im Reichelt-Supermarkt in Konradshöhe dem 20-jährigen Wachmann Ugur U. die Kehle durchgeschnitten und den Filialleiter lebensgefährlich verletzt hatte, erging lebenslange Haft. So hatte es der Ankläger gefordert. Der Verteidiger hatte auf fünf Jahre Haft wegen Körperverletzung plädiert.

Marico T. hielt den Kopf gesenkt und weinte wieder. Kein Prozesstag war ohne Tränen des Angeklagten vergangen. „Keiner sollte verletzt werden“, schluchzte er während seiner Aussage. Immer wieder jammerte er: „Ich sah mich an einem Abgrund. Es tut mir so leid.“ Bis zum 21. Dezember letzten Jahres war er tatsächlich ein Mann, dem niemand Gewalt zugetraut hätte. Der zurückhaltende Verkäufer arbeitete 16 Stunden täglich und wollte dem Kind seiner Verlobten ein guter Vater sein.

Damit war Schluss, als Marico T. ein Kreditantrag abgelehnt wurde. Er steckte ein Messer, eine Gaspistole und eine Maske ein, fuhr dann nach Konradshöhe. Dort kannte er sich aus. In dem Markt hatte er vier Monate gearbeitet, als Kassierer, geschickt von einer Leiharbeitsfirma. Gegen 21.15 Uhr betrat er die Reichelt-Filiale. „Unterwegs waren ihm Zweifel gekommen“, sagte der Vorsitzende Richter. Im Laden begrüßte er den 45-jährigen Filialleiter und tat so, als suchte er zwei vergessene Babyflaschen. Es ging dem Feierabend entgegen. Die Kassen wurden geleert, das Geld gezählt. „Da erinnerte er sich an seinen bereits aufgegebenen Plan“, sagte der Richter. Als Wachmann Ugur U. gegen 22 Uhr den Gast zur Tür bringen wollte, zog T. das Messer. „Es ging nicht nur um eine Drohgebärde“, hieß es im Urteil. Marico T. habe plötzlich angegriffen und dem Wachmann keine Chance gelassen. Der Filialleiter hatte im Prozess erklärt: „Er war brutal ohne Ende.“

Er kehrte mit dem stark blutenden U. zurück ins Büro. Alle sollten sich auf den Boden legen. „Nimm die Kasse und verschwinde“, rief der Filialleiter. Er nahm das Bargeld nicht. Vielleicht war es ihm zu wenig. Sein Ziel war laut Anklage der Tresor. „Auf dem Weg zu dem Geld war ihm jedes Mittel recht“, sagte der Staatsanwalt. Marico T. kann sich angeblich an das Geschehen im Büro nicht erinnern. Er hat den dramatischen Überlebenskampf der Opfer ausgeblendet.

Ugur U., der Filialleiter und ein Kassierer wehrten sich nach Kräften gegen den Angreifer. Er habe sie deshalb beseitigen wollen, hieß es im Urteil. Der Wachmann verblutete nach fast einstündigem Kampf. Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer jegliche Tötungsabsicht verneint. Durch die Gegenwehr sei T. daran gehindert worden, von seinem Plan zurückzutreten. Der Bruder von Ugur U. konnte das Plädoyer kaum ertragen. „Warum nicht gleich Freispruch“, rief er durch den Gerichtssaal. Kerstin Gehrke

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