Berlin : Jedes vierte Kind lebt in Armut

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Von Claudia Keller

In Berlin leben immer mehr Menschen in armen Verhältnissen. 12,8 Prozent der Berliner Bevölkerung gelten als arm. Das ist jeder achte Bewohner der Stadt. Dies geht aus dem ersten Berliner Armutsbericht hervor, den Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) gestern vorgestellt hat. 435000 Berlinern stünden monatlich weniger als 546 Euro zum Leben zur Verfügung. „Diese Zahlen sind dramatisch“, sagte Knake-Werner. Besonders betroffen von Armut sind Alleinerziehende. In Berlin leben prozentual mehr Arme als in der übrigen Bundesrepublik.

Die Angaben der Sozialverwaltung beruhen auf Daten aus dem Jahr 1999. Die Zahlen aus den vergangen beiden Jahren sind noch nicht ausgewertet. Schon jetzt sei aber erkennbar, dass 2001 die Zahl der Armen gleich geblieben ist, sagte Knake-Werner. Angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit fürchtet sie einen weiteren Anstieg in den kommenen Jahren.

In den östlichen Bezirken liegt der Anteil der Armen bei 10,6 Prozent. Im Westen sind es 14,2 Prozent, rund ein Drittel mehr. Als arm gilt, wer von weniger als der Hälfte des monatlichen Durchschnittseinkommens lebt, das heißt von weniger als 546 Euro pro Person. Im Westteil der Stadt ist die Armut am größten in Kreuzberg, Wedding, Tiergarten, Schöneberg und Neukölln, im Osten in Friedrichshain und Hohenschönhausen. Dass im Osten weniger Arme leben, führt Knake-Werner darauf zurück, dass Ost-Berliner in den vergangenen Jahrzehnten lückenloser gearbeitet hätten, Frauen beispielsweise wegen eines Kindes seltener zuhause blieben. Auch sei der Ausländeranteil niedriger. Dennoch ist der Osten keineswegs wohlhabend. Die Mehrheit hat weniger als das Durchschnittseinkommen zur Verfügung.

Nach dem Bericht sind Alleinerziehende und Migranten besonders gefährdet. Jedes vierte Berliner Kind lebt in Armut, bei denen unter drei Jahren ist es sogar ein Drittel. 60 Prozent der Sozialhilfeempfänger ist verarmt. Und die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.

„Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander“, sagte Knake-Werner. Das Problem könne man nicht allein durch die weitere Steigerung der Sozialausgaben lösen. Die Armen müssten in den Arbeitsmarkt integriert werden, beispielsweise über die Bezirksprogramme wie „Stelle statt Stütze“. Jährlich wolle die Koalition 6000 Arbeitsplätze für Sozialhilfeempfänger zusätzlich schaffen. Um die schulische und berufliche Qualifikation von Migranten zu fördern, seien mehr Kiez-Projekte nötig. Außerdem forderte Knake-Werner mehr Ganztagsbetreuung von Kindern. Wie sie das finanzieren will, obwohl doch gerade in diesen Bereichen Gelder gekürzt wurden, ließ sie offen. Nicht alle Probleme lassen sich aus ihrer Sicht allerdings auf Landesebene lösen: zum Beispiel die Hilfe für Alleinerziehende. Ehen sollten nicht mehr steuerpolitisch privilegiert werden, sondern statt dessen Haushalte mit Kindern.

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