Berlin : Jenseits von Borsigwalde

West-Berlin, Ende der 70er Jahre: Wie war es, damals jung zu sein? Manuela Golz erzählt davon in ihrem autobiografischen Buch

Sebastian Leber

Mit 14 hörte Manuela zum ersten Mal „Ton Steine Scherben“. Der Bruder hatte ihr eine Langspielplatte geschenkt, und Manuela war begeistert. Vor allem von diesem einen Refrain: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Sie wusste zwar nicht, was genau sie kaputt machte. Aber eines war klar: Irgendwo da draußen gab es eine geheimnisvolle Macht, die sie in ihrer freien Entfaltung behinderte.

Aufregend war das, damals in den späten 70ern, sagt Manuela Golz. Ganz besonders, wenn man wie sie in einem streng konservativen Elternhaus in Borsigwalde aufwuchs. Der Vater tiefschwarz, die Mutter immer Vaters Meinung. Da hatte es Manuela nicht leicht, mit ihrem gerade erwachten politischen Bewusstsein. Immerhin durfte sie manchmal den Bruder besuchen, nachdem dieser in eine Kommune nach Westdeutschland geflüchtet war. Sie tankte dort neue Kraft für den Kampf gegen die spießigen Eltern – bei den „Hottentotten“, wie es der Vater ausdrückte.

Heute ist Golz 41, hat selbst Familie und lebt immer noch in Reinickendorf. Ihre Jugend hat sie jetzt in einem Buch festgehalten: „Ferien bei den Hottentotten“ heißt ihre Quasi-Autobiografie. Die Hauptfigur nennt sie zwar Monika, aber die Geschichten hat Manuela erlebt. Wie sie das Küssen und Demonstrieren lernte, wie sie Nelson Mandela aufmunternde Briefe ins Gefängnis schrieb, wie ihre Oma den Liedtext von „Born to be wild“ nicht verstand. Besonders amüsant sind die Stellen, in denen Golz – auf sehr selbstironische Weise – klassische Pubertätserfahrungen mit den großen politischen Fragen vermengt. Zum Beispiel in ihrer persönlichen Bilanz einer Klassenfahrt: „Wir hatten geraucht, Alkohol getrunken, die Jungs hockten auf den Mädchenzimmern und umgekehrt. Es hatte eine Entjungferung und jede Menge Knutschflecken gegeben. Wir hatten uns mit großer Mehrheit gegen die Todesstrafe ausgesprochen und fanden Helmut Schmidt konservativ.“ Und dann die ewigen Streitereien mit den Eltern: Mal will Monika zum Ostermarsch, mal um den toten Rudi Dutschke trauern. Die Eltern sind immer dagegen. Nicht einmal das berühmte Poster mit dem sterbenden Soldaten und dem „Why?“ darüber darf Monika in ihrem Kinderzimmer in Borsigwalde aufhängen. Bei solch verhärteten Fronten wird selbst ein Tennisspiel zum Stellvertreterkrieg: Die Eltern halten zu Chris Evert, weil die West-Berlins Schutzmacht Amerika repräsentiert. Und die Tochter schwärmt für Martina Navratilova. Also Ost gegen West, Links gegen Rechts, Monika gegen ihre Eltern.

„Ferien bei den Hottentotten“ ist das literarische Debüt von Golz. Sie hat Psychologie studiert, arbeitet in der Erwachsenenbildung. Das Buch schrieb sie nur so nebenher und für sich selbst. Eine Freundin reichte es beim Verlag ein – der hat Golz gleich für ein zweites Buch verpflichtet. Eine Fortsetzung wird es aber nicht, sagt Golz. Obwohl es noch viel zu erzählen gäbe. Zum Beispiel, wie sie sich Jahre später als Studentin im Tegeler Forst ankettete, um den Autobahnbau zu verhindern. „Dieser Baum muss bleiben“, hat sie da geschrien. Auch recht komisch, so im Nachhinein.

Das Debüt ist acht Wochen auf dem Markt, schon wird die zweite Auflage gedruckt. Warum sich das Buch gut verkauft? Vielleicht, weil sich viele Leser darin wiederfinden, sagt Golz. Entweder in der genervten Monika oder in den genervten Eltern. Ihre eigenen Eltern tun das übrigens nicht. Die können über das Buch herzlich lachen, „aber sie finden nicht, dass es von ihnen handelt“. Die Autorin wiederum hat heute Verständnis für manche damalige Reaktion ihrer Eltern. Nicht, dass sie ihre eigene politische Haltung geändert hätte. Aber inzwischen weiß sie, wie anstrengend aufmüpfige Töchter sind: Sie hat selbst zwei durch die Pubertät begleitet. Die wollten sich nie über Politik streiten. „Aber wenn die Jüngere kein Handyguthaben mehr hatte, war es vorbei mit der guten Stimmung.“ Mehrmals habe sie in den vergangenen Jahren bei ihrer Mutter angerufen, erzählt Golz. Um sich für die eine oder andere Provokation zu entschuldigen.

„Ferien bei den Hottentotten“ ist im Ullstein Verlag erschienen, kostet 9 Euro.

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