Berlin : Jenseits von Eden

Zwischen Alltag und Spießbürgeridylle: Volker Sattel hat mit „Unternehmen Paradies“ einen Film gedreht, der die weniger schicken Seiten Berlins zeigt

Nana Heymann

Es beginnt alles mit einer langen Kamerafahrt: Vorbei an biederen Einfamilienhäusern und penibel gepflegten Kleingärten, vorüber an akkurat gepflasterten Garageneinfahrten und normgerechten Gartenzäunen. Spießbürgeridylle am Stadtrand Berlins. Erschreckend, beängstigend und irgendwie abstoßend. Ein Bild, das gar nicht recht zur hippen Stadt passen will. Denn immer, wenn sich Filmemacher an einem Abbild der Stadt versuchen, geht es verrückt, ausgelassen und wild zu. Nicht zuletzt deshalb dient Berlin derzeit vielen Film- und Fernsehproduktionen als Kulisse.

Volker Sattel hat sich mit seinem Werk „Unternehmen Paradies“ bewusst für einen anderen Blick auf die Stadt entschieden. Ein Jahr lang spürte er mit der Kamera Orte auf, die nicht zum angesagten Teil Berlins gehören, aber dennoch den Alltag der Stadt ausmachen. Sattel beobachtete Erotikmessen, Präsidentenbesuche und Bauarbeiten, er erlebte Maidemonstrationen und Karnevalsumzüge. Seine Beobachtungen wirken mitunter monoton, reizlos und banal – aber eben auch anders. „Der Blick, der zurzeit in Filmen und Büchern auf Berlin gerichtet wird, zeigt meist das kulturelle Leben und das Feiern. Dadurch werden lediglich bereits vorhandene Ansichten über die Stadt bestätigt“, sagt Sattel. Bei seiner Arbeit habe ihn ein derartiger Ansatz nie interessiert. Der Filmemacher zeigt Berlin, wie es jenseits von Glanz und Scheinwerferlicht ist: kalt, fremd, anonym.

Vielleicht ist Sattel dieser Blick möglich, weil er als Zugezogener eine distanzierte Betrachtungsweise auf die Stadt hat. Ende der Neunziger, kurz nach Beendigung seines Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg, zog es ihn an die Spree. Seine Affinität zu Berlin, so erzählt er, reicht jedoch bis in die späten 80er Jahre zurück. Immer wieder kam er besuchsweise aus seiner Heimatstadt Speyer hierher. Nun lebt der 35-Jährige in Kreuzberg und arbeitet mit seinem „Büro für Film und Gestaltung“ in Mitte.

Wenn Volker Sattel beim Gespräch in einem Café am Weinbergsweg in Mitte über seine Faszination von Berlin spricht, dann klingt das nach jemandem, der auf der Suche nach dem Unbestimmten zu sein scheint. „Es geht mir nicht darum, das Spektakuläre zu zeigen. Ich suche nach den alltäglichen Dingen, um dadurch mehr über die Stadt zu erfahren“, sagt er, während er in kurzen Zügen an seiner Zigarette zieht. Er sagt, er wolle herausfinden, was die Stadt mit den Menschen macht, wie die Bewohner mit der Stadt umgehen.

Für sich selbst kann er diese Frage auch nach etlichen Jahren wohl immer noch nicht schlüssig beantworten. Sattel erzählt von Erwartungen und Versprechungen, die ihn nach Berlin gelockt hatten, aber nie erfüllt wurden. Dabei schwingt immer eine Ernüchterung über eigene Verklärtheit mit. Dennoch, so resümiert er, habe ihn Berlin beflügelt. Warum? Weil es so viel zu entdecken gibt, gerade an Stellen, an denen man es nicht vermutet. Dabei sei er auf Dinge gestoßen, die großen Wert hätten, etwa eine „ganz eigene Herzlichkeit“. Genau diesen Reiz macht auch „Unternehmen Paradies“ aus: Es geht nicht um das Eindrucksvolle oder Augenscheinliche, seine Dokumentation zeigt die vermeintlichen Kleinigkeiten, die sich dahinter verbergen.

Man müsse nicht immer mit dem Strom schwimmen, auch wenn das mitunter nicht einfach ist, sagt Volker Sattel in Bezug auf seine außergewöhnliche Berlin-Dokumentation. Und vielleicht auch deshalb hat es wohl so lange gedauert, bis ein Filmverleih nun endlich auf das Werk aufmerksam wurde – fast zwei Jahre nach seiner Fertigstellung und nachdem es Ende vergangenen Jahres auf Arte lief.

„Unternehmen Paradies“ läuft im Kino in den Hackeschen Höfen und im fsk am Oranienplatz.

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