Jesuiten-Orden : Vorgesetzte haben Missbrauch vertuscht

Im Jesuitenorden gab es mehr Missbrauchsfälle als bisher angenommen. Und die Vorgesetzten deckten die Täter systematisch. Das ergab der Abschlussbericht der Missbrauchsbeauftragten des Ordens.

Ausgangspunkt des Missbrauchsskandals. Die Fälle am Berliner Canisius-Kolleg wurden als erstes bekannt. Foto: ddp
Ausgangspunkt des Missbrauchsskandals. Die Fälle am Berliner Canisius-Kolleg wurden als erstes bekannt.Foto: ddp

Der Missbrauchsskandal an Jesuiten-Einrichtungen hat größere Ausmaße als bislang angenommen. Insgesamt gehe es um 205 Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen wurden, heißt es in dem Abschlussbericht, den die vom Orden beauftragte Rechtsanwältin Ursula Raue am Donnerstag in München vorstellte. In ihrem Zwischenbericht vom Februar hatte Raue noch von 115 bis 120 Fällen gesprochen. Raue sagte jetzt, zusätzlich zu den im Abschlussbericht aufgeführten 205 Opfermeldungen an Jesuiten-Einrichtungen seien ihr 50 weitere Übergriffe gemeldet worden, meist von Personen, die als Kinder und Jugendliche an katholischen Einrichtungen zu Opfern wurden.

Der Missbrauch wurde dem Bericht zufolge von den Jesuiten über Jahrzehnte vertuscht. Mehrere Täter wurden gedeckt - und wenn etwas ruchbar wurde - klammheimlich an andere Einrichtungen versetzt. Dort konnten sie sich ungehindert weitere Opfer suchen. Für die Gesellschaft Jesu, die sich seit jeher als katholische Elite-Gemeinschaft versteht, ist das ein Schock, ein Trauma. „Im Namen des Ordens anerkenne ich mit Scham die Schuld und das Versagen des Ordens“, sagt Provinzial Stefan Dartmann am Donnerstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts zu dem Skandal in München.

Ursula Raue, Missbrauchs-Beauftragte der Jesuiten stellt gemeinsam mit Pater Stefan Dartmann, Provinzial der deutschen Provinz des Ordens, in München ihren Abschlussbericht vor. Foto: dpa
Ursula Raue, Missbrauchs-Beauftragte der Jesuiten stellt gemeinsam mit Pater Stefan Dartmann, Provinzial der deutschen Provinz des...Foto: dpa

Die Schule mit den meisten Opfern ist das Canisius-Kolleg

Die Fälle liegen größtenteils drei Jahrzehnte und länger zurück. Das Canisius-Kolleg in Berlin, von dem die ersten Fälle bekannt wurden, ist die Schule mit den meisten Opfern. Allein 80 Fälle sind der Missbrauchsbeauftragten von hier bekannt. Aber auch an den Kollegien in Bonn und St. Blasien wurde Missbrauch dokumentiert sowie an zwei weiteren Einrichtungen, die inzwischen nicht mehr von den Jesuiten betrieben werden. Die meisten Opfer waren Jungen.

Die zwei Haupttäter waren Pater Anton und Pater Bertram. Allein diesen beiden werden mehr als 80 Fälle am Berliner Canisius-Kolleg vorgeworfen. Der eine verlangte, dass die Kinder vor ihm onanierten, der andere verprügelte die Kinder „in exzessiver Weise“, wie Raue sagt. Die Schläge hatten „eine sadistisch-sexuelle Komponente“.

Die Vorgesetzten wussten in mehreren Fällen Bescheid

Der eigentliche Schock für den Orden: Die Vorgesetzten wussten in mehreren Fällen Bescheid - und versetzten die pädophilen Patres an die nächste Stelle - wieder und wieder. „Man wusste, da ist einer, der fummelt gerne rum, und der andere hat den Spitznamen 'Pavian'", berichtet die Missbrauchsbeauftragte.

Raue kritisiert mangelnde Offenheit des Ordens

Auch nach dem Abschlussbericht bleibt eine Dunkelziffer: Zwölf Patres wurden von mehreren ehemaligen Schülern als Täter genannt - über 40 Ordensleute jedoch nur einmal. In den vergangenen Monaten wurden manche katholische Geistliche auch zu Unrecht beschuldigt. Ausgestanden ist der Skandal für die Jesuiten auch nach dem Abschluss-Bericht deshalb nicht. Denn keineswegs alle Ordensleute teilen den Aufklärungswillen ihres Provinzials Stefan Dartmann. „Mein Eindruck ist, dass nicht genügend Offenheit da ist“, kritisiert die Missbrauchs-Beauftragte Raue ihre Auftraggeber. „Ich habe in letzter Zeit eine massive Wut einiger Opfer festgestellt. Die Wut wird nicht weniger, sie wird mehr." Einige ehemalige Schüler fordern Geld: „Dass jemand will, dass der Orden auch blutet, kann ich persönlich-menschlich verstehen“, sagt dazu Provinzial Dartmann. Zahlen aber wollen die Jesuiten vorerst nicht - bis der Runde Tisch der Bundesregierung seine Empfehlungen ausgesprochen hat. Dartmann zweifelt, dass Geld den Schaden wiedergutmachen kann und zur Versöhnung beiträgt.

Der derzeitige Missbrauchs-Skandal war mit Enthüllungen über das Canisius-Kolleg in Berlin ins Rollen gekommen. Der heutige Direktor Kollegs war der erste, der den Missbrauchs-Vorwürfen systematisch nachging.

In den kommenden Wochen und Monaten wird es um die zweite Gruppe der Verantwortlichen gehen: die Riege der früheren Ordens-Oberen, die den Missbrauch vertuschte. Viele dieser Patres leben noch - alte Männer über 70. Dartmann will, dass sie Stellung beziehen. „Das sind sie dem Orden, vor allem aber auch den Opfern schuldig.“ Provinzial Dartmann hat die frühere Bundesministerin Andrea Fischer gebeten, eine „weitere Meinung" zur Verantwortung des Ordens abzugeben. Ihr Sondergutachten steht noch aus. (dpa)

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