Jesus-Freaks-Gründer : "Jesus sah aus wie ein Türke"

Alle reden von Weihnachten, aber worum geht es dabei überhaupt? Wir fragen einen Profi: Martin Dreyer hat 1991 die Jesus Freaks gegründet, einen Verbund von Punks und Leuten, die sich in den Staatskirchen unwohl fühlen. Ein Interview.

Martin Schwarzbeck
Martin Dreyer gründete die Jesus Freaks.
Martin Dreyer gründete die Jesus Freaks.Foto: Soany Guigand

Martin Dreyer, 45, hat 1991 die Jesus Freaks gegründet. Der lose Verbund aus ehemaligen Drogenabhängigen, Punks und anderen, die sich in den Staatskirchen fehl am Platz fühlen, geht die Sache mit dem Glauben etwas lockerer an. Es gibt weniger Liturgie, weniger Regeln, mehr direkte Erfahrung. Sie rappen die Bibel, rauchen und trinken während des Gottesdienstes, veranstalten Taufen im Swimmingpool und ein Open-Air-Festival mit Punkrock, Reggae und elektronischer Musik. Bei den Freaks geht es streng demokratisch zu: Jeder darf predigen, taufen und das Abendmahl verteilen – für diesen Angriff auf die Hoheitsrechte der Pfaffen werden sie von den Staatskirchen missmutig beäugt.

 

Herr Dreyer, worum geht es an Weihnachten?

Da feiern wir den Geburtstag von Jesus Christus. Die Existenz dieser Person ist historisch relativ unumstritten, auch wenn Jesus von Nazareth vermutlich nicht genau am 24. geboren wurde. Und in Wahrheit sah er, wenn man nach seinem Herkunftsort geht, wohl eher aus wie ein Türke und nicht wie der bleiche Langhaarige den man von den Bildern her kennt.

Und warum ist dieser Geburtstag feiernswert

Weil es keinen krasseren Typen vor und nach Jesus gegeben hat, und weil er unheimlich viel für die Menschen getan hat. Auch wer nicht glaubt, dass der historische Jesus Gottes Sohn war, hat ihm doch viel zu verdanken. Unser komplettes westliches Wertesystem baut auf dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe auf. Ohne Jesus gäbe es vermutlich nicht einmal Hartz-IV. Und Jesus kann unsere Brücke zu Gott sein. Wenn jemand ein Problem hat und nicht weiß, zu wem er beten soll, zu welcher abstrakten Macht, mit welchem Namen, dann sage ich immer: Bete zu Jesus! Denn der ist nicht nur Gott sondern auch ein Mensch gewesen, er ist uns viel näher. Das Abgefahrene an Weihnachten ist: Gott ist zu uns gekommen. Er kam aus dieser anderen Dimension, wo es nur Glück gibt, nur das reine Leben, zu uns Menschen mit unserer Welt voll Tod, Zerstörung, Neid, Lügen und Hoffnungslosigkeit. Gott hat Bock auf Beziehungen. Es lohnt sich, ihm zu begegnen. Jesus ist mein bester Freund, wenn ich bete, dann spüre ich, wie sich die Atmosphäre verändert, dass er anwesend ist. Ich liebe die Wissenschaft, aber man kann nicht alles erklären. Der Glaube an Jesus ist eine gigantische Kraftquelle und dank ihm habe ich nicht einmal vor dem Tod Angst.

Wie feiern die Jesus Freaks Weihnachten?

Zum Beispiel auf einer Jesus-Geburtstags-Party. Erst schenken wir Jesus etwas, einen persönlichen Brief oder ein Versprechen, anschließend gibt es DJs und so. Dieses Jahr bin ich aber wahrscheinlich ganz klassisch bei Mama und Papa.

Wie sieht es aus mit Geschenken?

Ich mag nicht, wenn es Weihnachten nur um Geschenkorgien geht und Jesus dabei vergessen wird. Aber natürlich ist es auch schön, wenn man sich untereinander etwas Gutes tun will. Ich verschenke gerne Briefe, in denen ich den Menschen, die mir nahe stehen, erkläre, wie wichtig sie mir sind. Noch Jesus-mäßiger wäre es aber, Menschen Geschenke zu machen, die sie wirklich nötig haben.

Wie sind Sie eigentlich auf Jesus gekommen?

Das Zeichen der Jesus Freaks soll an das Anarchie-A erinnern, zudem steht es für den ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, es symbolisiert Anfang und Ende. Für die Jesus Freaks ist das: Jesus
Das Zeichen der Jesus Freaks soll an das Anarchie-A erinnern, zudem steht es für den ersten und letzten Buchstaben des...

Als ich Christ geworden bin, mit siebzehneinhalb, war mein Leben total im Arsch. Ich hab den ganzen Tag gekifft, hatte Depressionen, habe mir alle möglichen anderen Drogen reingepfiffen, hatte fünf Sechsen im Zeugnis und zwei Fünfen, meine Freundin hatte mit mir Schluss gemacht – dieses verkackte  Leben war nicht besonders viel wert. Aber das habe ich Jesus dann gegeben und zwar hundert Prozent. Er hat mir in einem Gottesdienst ein Zeichen gegeben, und ich habe heulend mein Leben in seine Hände geschmissen. Dann hat Jesus echt ein geiles Ding daraus gemacht. Heute geht es mir richtig gut.

Jesus gilt als nahezu fehlerlos, macht ihn das nicht unsympathisch?

Ich glaube schon, dass Jesus nicht gesündigt hat. Aber das heißt nicht, dass er ein farbloser Typ war. Jesus hat sich ziemlich viele Feinde gemacht mit seiner Ehrlichkeit. Außerdem hat er auch derbe gefeiert. Man darf sich Jesus durchaus tanzend vorstellen – mit Nutten und Trinkern. Sein erstes Wunder war ja, als er auf einer Hochzeitsparty, auf der der Alkohol alle war, 600 Liter Wein aus Wasser gemacht hat. Auch Fleisch hat er gegessen, geschächtetes sogar.

Das bringt ja schon Leid in die Welt ...

Ich denke mal, zu der Zeit wäre es ein wenig übertrieben gewesen, die Menschen dazu anzuhalten, sich vegetarisch zu ernähren. Da hat man gegessen, was man kriegen konnte, um nicht zu verhungern. Die Idee, zumindest jedem Menschen Liebe entgegen zu bringen, war damals schon radikal genug. Da hatte ein Menschenleben noch keinen so hohen Wert. Jesus ist für seine Ideen und Ansagen hingerichet worden. Aber wenn er heute leben würde, könnte ich mir gut vorstellen, dass er für eine rein pflanzliche Ernährung eintritt.

Hatte Jesus Sex?

Das weiß keiner, in der Bibel steht zumindest nichts darüber.

Und wie halten es die Jesus Freaks damit?

Ganz unterschiedlich. Es gibt welche, die Sex gern nur in der Ehe sehen würden. Andere sagen, alles ist super, solange es freiwillig passiert. Ich denke, alle sagen, dass Sex ein wundervolles Geschenk von Gott an die Menschen ist. Auf jeden Fall steckt darin eine unheimliche Kraft, mit der man lernen muss umzugehen, sonst kann diese Kraft dazu führen, dass man sich selbst und andere verletzt.

 

Weiterführende Literatur zur Frage, warum wir Weihnachten feiern: Volxbibel, in verständliche Sprache übersetzt von einer fast tausendköpfigen Wiki-Community, Pattloch Verlag, 9,95 Euro.

Dieses Interview ist erschienen in der Weihnachtsbeilage der zitty, Ausgabe 24, im Handel noch bis zum 30.11. Außerdem darin: Zeitreise im Backofen - Die Geschichte der Weihnachtsbäckerei zum Nachbacken und Geschenktips für Kurzentschlossene.

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