Berlin : Jetzt reisen sie wieder

Zwar kamen dieses Jahr nur wenig mehr Besucher als 2002 nach Berlin. Doch die Buchungen für 2004 lassen die Branche auf ein Plus von vier Prozent hoffen

Lothar Heinke

Eigentlich muss es ein gutes Touristenjahr gewesen sein: Durch den Berliner Innenstadt-Verkehr quälen sich die Reisebusse, in den Museen und Galerien herrscht babylonisches Sprachgewirr, Ku’damm, Potsdamer Platz, Friedrichstraße, Linden, Brandenburger Tor und Reichstagskuppel waren auch 2003 die großen touristischen Anlaufpunkte und die wichtigsten Magneten für Berlin-Besucher. Dennoch wurden die Erwartungen nicht ganz erfüllt: „Wir haben mit einem Touristen-Plus von drei bis vier Prozent gerechnet, aber es wird am Ende wohl nur ein Prozent mehr sein als 2002“, sagt Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing-Gesellschaft BTM.

Das erste Halbjahr war „außerordentlich schwierig“: Irak-Krieg, wirtschaftliche Verunsicherung und drastische Einsparungen in den betrieblichen Budgets hätten die Reiselust in die Hauptstadt erheblich gedämpft. „Aber dann kam der Durchbruch: Die Leute reisten wieder“, sagt Nerger. So rechnet er für 2003 mit rund 11,3 Millionen Übernachtungen in Hotels und Pensionen (2002 waren es 11,02). Und im nächsten Jahr soll es – die Buchungen lassen darauf schließen – eine Steigerung von drei bis vier Prozent geben. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es mehr als genug: 554 Beherbergungsbetriebe boten allein im Oktober 68521 Betten, rund 1000 mehr als einen Monat zuvor. Schon bald wird durch die Eröffnung von Ritz-Carlton und Marriott am Potsdamer Platz die Zahl von 70000 Hotelbetten erreicht, bis Ende 2004 kommen noch einmal bis zu 4000 dazu. Dies führe, sagt Nerger, zu einem „ruinösen Wettbewerb“, denn Berlins Hotelpreise seien „unvergleichlich niedrig“. Die durchschnittliche Bettenauslastung liegt allerdings bei unter 60 Prozent. Die Stadt kann also nicht genug Touristen haben. Für eine groß angelegte internationale Werbekampagne allerdings fehlt derzeit das Geld.

Große Sorgen bereitet der amerikanische Markt: Während es im Oktober besonders hohe Zuwächse bei Gästen aus Holland, Italien, Frankreich und Japan gab, kamen viel weniger Amerikaner als im vorigen Jahr an die Spree. Nerger sagt, der hohe Euro-Kurs habe auf Dollar-Basis zu einer Verteuerung der Reisen um mehr als 30 Prozent geführt. Außerdem fehlt eine Direktverbindung: Die Amerikaner fliegen direkt nach Frankfurt und München, möchten aber nicht noch innerhalb Deutschlands ins Flugzeug steigen. Dennoch ist Berlin Deutschlands Reiseziel Nummer eins. „Der Abstand zu München vergrößert sich weiter.“ Und 90 Prozent aller Touristen möchten laut einer Umfrage wiederkommen. Was sie an Berlin besonders reizt? „Die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, von der Kultur bis zum Einkauf. Die neuen Ladenschlußzeiten bis 20 Uhr haben uns sehr geholfen“, sagt Hanns Peter Nerger und lobt, dass es praktisch „keine toten Zonen in der Innenstadt“ gibt. Bei jedem Besuch gebe es Neues zu sehen.

Allerdings gibt es auch Minuspunkte: Auf manchen macht Berlin einen schmuddeligen Eindruck – mit zerkratzten Fensterscheiben in den öffentlichen Verkehrsmitteln und mit Brunnen, die, statt zu fließen, zur Müllkippe werden.

Und noch etwas hat der Tourismus-Chef ausgemacht: Begebenheiten der deutschen Geschichte, die in Berlin ihren Anfang nahmen, finden immer stärker auch bei jungen Leuten reges Interesse. Das betrifft Bauten, Geschichten und Zeugnisse des Dritten Reiches, des kalten Krieges und der Teilung. „Und das findet man ja nun wirklich in solch einer Fülle nur hier bei uns.“

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