Berlin : Jetzt soll die Geriatrie die Krankenhäuser heilen

Christoph Stollowsky

Heilkunst für ältere Menschen - eine Gesundheitsbranche mit Zukunft. Viele Krankenhäuser in Berlin müssen ihre Bettenzahl massiv verringern, nur in der Geriatrie sind die Vorzeichen umgekehrt: Berlins Spezialkliniken für Altersmedizin werden in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach erheblich mehr Patienten versorgen. Das Interesse an ihrer Arbeit wächst, vor allem, weil sie kosequent versuchen, alten Menschen so lange wie möglich die Selbstständigkeit zu bewahren. Deshalb spart jede Mark für die Geriatrie auch eine Menge Geld. Jeder Platz im Pflegeheim ist wesentlich teurer.

Wolfgang Schäfer weiß, wohin sich der medizinische Markt in Berlin entwickelt. Das muss er auch, denn ein Gespür für Zukunftsbranchen im Gesundheitswesen ist seine größte Chance: Immerhin drücken den Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft "Vivantes" rund 200 Millionen Mark Schulden. Alleine durch Sparprogramme für alle zehn früheren städtischen Krankenhäuser, die seit einem Jahr unter dem Dach von "Vivantes" zusammengefasst sind, wird er diese Last nicht los. Er muss nach vorne blicken. Deshalb hat er recht bald auf die Altersmedizin gesetzt und verkündet: "Am Wenckebach-Krankenhaus in Tempelhof soll eine bundesweit einmalige Klinik für Geriatrie entstehen."

Dabei hat er wohl ein wenig übertrieben, weil es alleine in Berlin schon mehrere auf ältere Menschen spezialisierte große Kliniken gibt, deren Arbeit hochgeschätzt wird. Außerdem hat er sich Ärger eingehandelt, weil er anfangs das breite medizinische Angebot des Kiez-Hospitals am Tempelhofer Damm zugunsten der Altersmedizin abschaffen wollte. Doch inzwischen sind Zwist und Hader vorbei, am "Wenckebach" wurde ein Kompromiss gefunden - und selbst Schäfers Kritiker erkennen an: Mit seinem Geriatrie-Projekt hat er die Altersmedizin zur rechten Zeit publik gemacht.

Zuvor arbeitete diese Branche eher im Schatten der Herzchirurgie und anderer spektakulärer medizinischer Leistungen. Gleichwohl hat sie in den neunziger Jahren viel aufgebaut: Es gibt inzwischen 15 kleine und größere geriatrische Zentren in der Stadt mit etwa 1000 Betten. Und die Nachfrage steigt. Wer einen Platz sucht und kein Notfall ist, muss mit Wartezeiten rechnen.

Der Grund für den Boom lässt sich an der Bevölkerungsstatistik ablesen. Doch seit die Lebenserwartung steigt, fürchten immer mehr Menschen Alterssymptome wie den Verlust von Geisteskräften. Ein Grund, weshalb die Alzheimer-Krankheit in die Schlagzeilen geriet - und mit ihr die Geriatrie.

Hinzu kommt der Bettenabbau in Berlins Krankenhäusern. Bis zu 40 Prozent aller Klinikbetten sind in absehbarer Zeit überflüssig, schätzen Fachleute - vor allem, weil immer mehr chronisch Schwerkranke von Fachärzten ambulant versorgt werden. Doch was tun mit den freien Betten? "Vermutlich werden die Geriatrieangebote noch einmal um 20 Prozent ausgeweitet", antwortet der Chefarzt des Max-Bürger-Zentrums für Geriatrie in Charlottenburg, Klaus Köppel.

Er selbst muss zum Jahreswechsel umziehen. Seine Vivantes-Klinik wird ins Wenckebach-Krankenhaus verlegt. Hauptgrund sind allem Anschein nach ihre arg sanierungsbedürftigen Gebäude. Vivantes will sie verkaufen und die Geriatrie in den tip-top in Stand gesetzten Klinikhäusern am Tempelhofer Damm unterbringen. Das ist billiger.

Anfangs wurde dieser Umzug auch im Senat kritisiert. Denn er verstößt gegen den Berliner Krankenhausplan, der eine wohnortnahe geriatrische Versorgung alter Menschen fordert. In Charlottenburg ist dies nun gefährdet, es bleibt in der Region nur die nahezu ausgelastete Geriatrie des Malteser-Krankenhauses. Umgekehrt ist Neukölln / Tempelhof nach dem Umzug eher überversorgt: Es gibt dort bereits das Ida-Wolff-Geriatriezentrum der Arbeiterwohlfahrt am Krankenhaus Neukölln mit 108 Betten. Doch angesichts der Vivantes-Schulden sind die Kritiker längst verstummt.

Geschäftsführer Schäfer will die Angebote des Max-Bürger-Zentrums nun in Tempelhof weiter ausbauen. Zugleich sollen fast alle Abteilungen am "Wenckebach" einschließlich Chirurgie und Rettungsstelle erhalten bleiben, so der Kompromiss. Für die Geriatrie gebe es dennoch genügend Platz, heißt es, etliche Räume seien derzeit ungenutzt.

Es wird also kaum Probleme geben, wenn man im neuen Domizil auch den jüngsten Zweig der Altersmedizin etabliert: die Gerontopsychiatrie. Sie soll der Tempelhofer Klinik für Altersheilkunde ihr besonderes Profil verleihen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben