Berlin : Jetzt sprechen wir: Schulleiter bei Böger

Rektoren aller Hauptschulen beraten über Verbesserungen. Morgen Debatte im Parlament

Susanne Vieth-Entus

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Gipfeltreffen der besonderen Art. Eine Woche nach Bekanntwerden der Zustände an der Rütli-Schule beraten heute alle Berliner Hauptschulleiter mit Bildungssenator Klaus Böger (SPD), wie es weitergehen soll. Sie erhoffen sich konkrete Zusagen über neue Lehrer und die baldige Einstellung der dringend erwarteten Sozialarbeiter. Neuköllner Pädagogen rufen um 14 Uhr in der Karlsgarten-Grundschule zu einer „Solidaritätsveranstaltung mit dem Kollegium der Rütli-Schule“ auf. Unterstützt werden sie von den Lehrergewerkschaften GEW und VBE. Am Donnerstag will auch das Abgeordnetenhaus in einer aktuellen Stunde über die Integrationsprobleme an Berlins Schulen diskutieren.

Zu dem Treffen mit Böger gehen die Schulleiter nicht „unbewaffnet“: So hat etwa Volker Steffens Zahlen dabei, die belegen, dass seine Neuköllner Thomas- Morus-Schule unter Lehrermangel leidet. Karla Werkentin verweist auf ihre Sozialarbeiter, die sich um Schülerclub und Schulstation an der Weißenseer Heinz-Brandt-Hauptschule kümmern: Sie alle hangeln sich von einem Zeitvertrag zum nächsten. Einen Großteil ihrer Arbeitszeit mussten die Hauptschulleiter bisher damit verbringen, irgendwo Mittel für diese Kräfte zu organisieren. Werkentin denkt mit Schrecken daran zurück, dass zeitweise die Gelder für die Schulstationen abgezogen werden sollten.

Ein Dauerproblem für viele Hauptschulen ist auch, dass sie, da kaum jemand freiwillig zu ihnen kommt, mit Zwangsversetzten vorlieb nehmen müssen. Allein das Rütli-Kollegium besteht zur Hälfte aus Lehrern aus dem Ost-Teil, die mit den Herausforderungen einer überwiegend ausländischen Schülerschaft schwer zurechtkommen.

Ein weiteres Problem ist, dass zwei Drittel der Berliner Lehrer – auch an den Hauptschulen – Frauen sind. Der FU-Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger kritisiert, dass der Senat nie eine gezielte Anwerbung von jungen Männern für den Lehrerberuf betrieben hat, „obwohl doch seit Jahren bekannt ist, dass Schulen mit einem hohen Migrantenanteil mehr männliche Rollenvorbilder bräuchten“.

„Angesichts der Vorfälle in Neukölln“ wundert sich Ramseger zudem darüber, dass die rot-rote Landesregierung gerade eine Lehrerbildungsreform durchführt, nach der die Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrer – also diejenigen Lehrer, die die schwierigste Klientel haben – künftig anderthalb Jahre kürzer ausgebildet werden sollen als die Gymnasiallehrer“. Den Plänen zufolge sollen die Lehramtsanwärter ohne jede praktische Ausbildung schon im Referendariat 16 Stunden eigenständigen Unterricht geben. „In der gerade auf vier Jahre begrenzten Universitätsausbildung komme das Fach Psychologie genauso wenig vor wie Prävention oder Sozialpädagogik“, kritisiert der Bildungsforscher weiter.

Positiv bewertet der Türkische Bund die Anstrengungen des Bildungssenators. „Herr Böger hat einen großen Beitrag geleistet, dass Bildungspolitik in Berlin vorangeschritten ist“, sagte die Vorsitzende Eren Ünsal. Gleich nach Amtsantritt habe er die Zusammenarbeit aufgenommen. Böger habe nicht nur gemeinsam mit ihnen Aufrufe an die Eltern gestartet, sondern auch immer klar gemacht, „dass er die kulturelle Vielfalt wertschätzt“.

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