Berlin : Jetzt zählen auch die inneren Werte

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Der gewichtigste Einwand gegen einen Wiederaufbau des Berliner Schlosses lautete stets, es sei nicht im Einzelnen überliefert, wie das Schloss tatsächlich ausgesehen habe. Das gelte insbesondere für die Innenräume. Eine Rekonstruktion müsste zu Fantasiegebilden führen. Kunstwerke - und darum handele es sich bei den Stukkaturen, den Deckengemälden und den Möbeln - ließen sich nicht ein zweites Mal schaffen.

Der Einwand ist hinsichtlich der Fassaden des Schlossbauwerks mittlerweile entkräftet. Nun liegt zudem ein Buch vor, das die Formen des Inneren belegt. Goerd Peschken, seit Jahrzehnten mit dem Schloss beschäftigter Bauforscher, hat mit Liselotte Wiesinger allein die barocken Raumfluchten erforscht - und stellt sie in einem geradezu erdrückend umfangreich bebilderten, zweibändigen Werk vor. Die Präsentation im Schloss Charlottenburg geriet wie es sich für eine akademische Publikation in einem renommierten Verlag gehört, zu einer gediegenen Veranstaltung, bei der die Brisanz des Buches kaum deutlich wurde.

Jedenfalls wird die derzeit arbeitende "Kommission Historische Mitte Berlin" unter Vorsitz des Wieners Hannes Swoboda den kiloschweren Doppelband sehr sorgfältig studieren müssen, bevor sie ein Votum für oder gegen die Schloss-Rekonstruktion in Erwägung ziehen sollte. Denn mit dem vorliegenden Material sind weitere Einwände nur mehr als Voreingenommenheit zu bezeichnen. Der Textband beschreibt die Ausgestaltung des gewaltigen Schlosses in chronologischer Reihenfolge, während der Bildband sinnvollerweise einen Rundgang nach der Lage der Räume unternimmt. Es ist wichtig, sich die Bedeutung der Schlüterschen Raumfolgen deutlich zu machen: "Der barocke Ausbau des Schlosses" - schreibt Peschken - stellte die 1701 angenommene Königswürde baulich dar." Und weiter: "Die Paradekammern waren historisch wie künstlerisch die bedeutendste Barock-Suite nicht nur Preußens, sondern ganz Deutschlands. Selbst der Kaiser in Wien hatte keinen besseren Innenarchitekten..." Zudem ist, der besonderen symbolischen Bedeutung der Inneneinrichtung wegen, im Laufe der Zeit "kein einziger dieser Räume ganz neu ausgestattet worden". Übrigens betont Peschken - und das ist in der Debatte über den künstlerischen Wert des Schlosses übersehen worden -, dass die "Architektur Schlüters im Inneren reicher, moderner gewesen" sei als in den Außenformen.

Noch 1944 wurden 230 große Detailaufnahmen angefertigt, und von den Deckengemälden gibt es sogar Farbaufnahmen (!), wenn auch nicht von jedem Raum. "Diese vielen hundert Fotos sind zum größeren Teil bisher unveröffentlicht", berichtet Peschken: bisher, denn nun wartet der Tafelband mit insgesamt 748 Abbildungen auf - Abbildungen, an denen eine ernsthafte Diskussion über den möglichen Wiederaufbau dieses bedeutendsten Staatsbaus Norddeutschlands nicht mehr vorübergehen kann.

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