Berlin : Jim Avignon: Subversives Hasenherz

Esther Kogelboom

Jetzt kommen, nicht ganz saisongemäß, ein paar Hasen. Zuerst wird ein Mann beschrieben, der Hasenhemden tragen kann - gelbe Hemden mit leuchtend roten Hasen drauf. Dann wird kurz die Rede sein von einem Hasenherz, bevor die Geschichte in der Hasenheide endet, vielleicht aber auch erst beginnt. Schließlich spielen auch noch Hunde eine Rolle, und damit wird jetzt angefangen. "A friendly dog in an unfriendly world" heißt die neue Platte von Jim Avignon. Es ist schwer, darüber Worte zu verlieren, weil die Platte so gut ist.

Der Künstler selbst findet das auch schwer. Er will eigentlich gar nicht darüber sprechen, denn der Künstler hat noch Kopfweh von der Martini-Show. Solange ich Martini kriege, höre ich nicht auf zu spielen. Das hatte er in der Nacht zuvor dem Jenaer Publikum versprochen, das wollte, das Jim immer weiter spielt. Deswegen gab es reichlich Martini, und jetzt guckt das einzige Bandmitglied von "Neoangin" die Wildwasserbahn auf dem Volksfest in der Hasenheide an und hält den Mund.

Jim Avignon malt manchmal Bilder, auf denen verhärmte Reporterinnen zu sehen sind, die mit dem Aufnahmegerät herumzicken. Auf dem Rummelplatz ist es eigentlich zu laut für einen ausgewachsenen Martini-Kater. Vorsicht ist geboten - Jim Avignon wirkt zwar alles andere als bedrohlich, aber seine Bilder und seine Musik sind es, bei genauerem Hinsehen und Hinhören. Bedrohlich und ganz schön subversiv, was auf den ersten Blick niedlich erscheint.

Da - ein Kinderkarussel mit fliegenden Flugzeugen. Der Chips-Mann schaltet die Beleuchtung an und zeigt seine blitzsauberen, strahlend weißen Zähne. Und weil sich meist gerade hinter den freundlichsten Menschen die tiefsten Abgründe verbergen, lacht er ein kehliges Lachen und stoppt sein Fahrgeschäft erst, nachdem der junge Mann circa eine Viertelstunde mitreisen musste und noch doller im Kopf ist als vorher.

Jim Avignon klettert aus dem Flugzeug und spricht endlich. "Vor zwölf Jahren habe ich genau hier meine Freundin zum ersten Mal geküsst." In Neukölln, auf dem Rummel, beim Feuerwerk zwischen Zuckerwatte und Gruselkabinett. Dann wieder Schweigen. Und die Schießbude. "Was denn, hast du noch nie geschossen?", fragt die Schießbuden-Frau. "Nein", antwortete der Künstler und fuchtelt mit dem Schießgewehr herum. Die Frau weicht zur Seite und erbleicht unter ihrer Schminke. "Das Gewehr an die Backe legen!" Jim Avignon schießt drei weiße Sterne und hat die Wahl zwischen Hertha- und Dackelaufkleber.

Man muss sich das mal vorstellen - in Hongkong gibt es einen "Neoangin"-Fanclub und eine Karaoke-Bar für Avignon-Shows zum Mitsingen. In der "Napster"-Zentrale hängt eines seiner Bilder. Ein Amerikaner will sein Leben verfilmen. Der WDR hat schon vor Jahren 40 Zeichentrickfilme von Jim gekauft und zeigt sie nicht, weil Cartoons angeblich nicht mehr in Mode sind. Dabei kann man in manche seiner Kunstwerke sogar einsteigen oder sie sich umschnallen: Die Deutsche BA hat ein paar Flugzeuge mit Avignons Bildern verzieren lassen, "Swatch" druckte die bunten Comics auf Uhren.

Deshalb kann der schnelle Maler seine Werke an weniger reiche Einzelpersonen für sehr wenig Geld verkaufen. Warum? Keine Ahnung. Jim Avignon redet jetzt zwar, aber macht lange Pausen. Eigentlich macht er nur Pausen und reiht an die Pausen ein paar hasenherzig-ausweichende Worte. Auf der Bühne ist das anders. Da quasselt er eine großartige, lange Show lang und wird zum Grobmotoriker, fällt einfach um und greift neben die Tasten seines Keyboards. Hinter ihm rutschen die mit Klebeband fixierten Bilder für den Einmal-Gebrauch von der Wand und das Publikum sitzt wie angewurzelt da und bestaunt den Alleinunterhalter. Oder es prügelt sich mit ihm, wie schon zwei mal geschehen.

Das lag wahrscheinlich daran, dass die Musik auf "A friendly dog in an unfriendly world" lustig und traurig zugleich ist. Wie traurig, merkt man erst, wenn der Ohrwurm-Effekt eintritt. Aber zu diesem Zeitpunkt hat der Künstler meist schon ein paar Haken geschlagen und ist weg.

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