Joachim Gauck lädt in sein Schloss : Brücke der Freundlichkeit

Tausende folgten der Einladung des Bundespräsidenten zum Bürgerfest – und inspizierten auch das Schloss. Jeder konnte Ideen sammeln, wie man sich engagiert. Der Vorschlag des Gastgebers: Zunächst mal wählen gehen.

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Kinder, Kinder, was für ein Tag! Auch die Jüngsten machten sich beim Bürgerfest auf Autogrammjagd. Und Bundespräsident Joachim Gauck versuchte, alle Signier- und Fotowünsche zu erfüllen. Foto: dapd / Bilan
Kinder, Kinder, was für ein Tag! Auch die Jüngsten machten sich beim Bürgerfest auf Autogrammjagd. Und Bundespräsident Joachim...Foto: dapd

Lebenshilfe zu geben, ist für Joachim Gauck ein leichtes Spiel. In seiner Begrüßungsansprache am Sonntagmittag zum zweiten Teil des Bürgerfestes bot er seinen Gäste eine Minilektion „Engagement für Einsteiger“. Wählen zu gehen sei ein Anfang. Eine Brücke der Freundlichkeit zu bauen zwischen Zugezogenen und Alteingesessenen sei eine weitere unaufwendige Möglichkeit. Er warb für mehr Achtsamkeit und erhoffte sie auch für sich selber. „Ich bin total gespannt, wie oft ich heute Fotomodell spielen muss. Daniela und ich versuchen, es mit Gelassenheit zu ertragen, aber lassen Sie uns ein bisschen am Leben dabei.“ Ein vergeblicher Appell. Wo immer er am Stand eines wohltätigen Projekts stehen blieb, bildete sich rasch ein Pulk von Gästen mit Handykameras und Fotoapparaten.

Mehr als einmal erinnerte jemand an das Sommerfest im Schloss Bellevue vor gut zwei Jahren, wo Joachim Gauck zusammen mit Daniela Schadt als unterlegener Kandidat zu Gast war beim frisch gewählten Bundespräsidenten Christian Wulff, scheinbar ohne jegliche Chance, dieses Amt doch noch mal zu erreichen.

Gaucks ausgesprochene Hoffnung, der Geist, den die engagierten geladenen Gäste am Samstagabend ausstrahlten, möge übergreifen auf alle interessierten Bürger, die am Sonntag kommen würden, schien sich zu erfüllen. Frauke Frodl von der Björn-Schulz-Stiftung erzählte, wie andere Teilnehmer auch, dass viele Interesse gezeigt hätten an ihrer Arbeit. Gaucks Bitte, „die deutsche Nationalkultur des Verdrusses nicht länger zu pflegen, sondern sich gelegentlich über die guten Dinge auch mal zu freuen“, war bei diesem Fest gut platziert.

Spät am Samstagabend, nach fast fünfstündigem Rundgang durch den Schlosspark Bellevue, sah der Bundespräsident auch mal Anlass, sich zu entschuldigen. „Dietlind aus Rostock, ich hab’ euch nicht gefunden“, sagte er ins Mikrofon, kurz bevor ein üppiges Feuerwerk in den Himmel sprühte. Er habe freilich viele wunderbare Menschen kennengelernt und tolle Gespräche geführt, fügte er hinzu. Immer wieder hatte Gauck auch mit Kindern geredet und einem Mädchen namens Emma zum Geburtstag gratuliert. Selbst Lebensgefährtin Daniela Schadt trat überraschend ans Mikrofon, ermutigte die knapp 4000 ehrenamtlich Engagierten, die beim ersten Teil des Bürgerfestes zu Gast waren, bei der Stange zu bleiben. „Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, aber es lohnt sich.“ Rollatoren, Kinderwagen und Rollstühle zeigten am Samstag, dass man bei der Gästeliste auf eine große Bandbreite geachtet hatte.

Dass es am Samstag vielen leerer vorkam als bei den Sommerfesten früherer Jahre, mag an der Gästeauswahl gelegen haben. Anders als Prominente, die gern über den Rasen stolzieren und unsichtbare Räder schlagen, setzten sich die engagierten Bürger rasch an den Tafeln zusammen. Ob diese Art Fest die alte Tradition der Sommerfeste ablösen wird, muss sich zeigen. Einmal pro Amtszeit sollte aber Raum sein für ein solch buntes Motivationsfest. Vor allem die an Torwänden tobenden Kinder zeigten, dass man auch mit weniger Aufwand viel Spaß haben kann. Eine Gebärdendolmetscherin auf der Bühne übersetzte alle Ansprachen.

Am Sonntag wurde es deutlich voller als am Tag zuvor. Bis zu 8000 Menschen konnten zeitgleich eingelassen werden. Zur Schlossbesichtigung bildeten sich lange Schlangen. Der Rundgang führte durch viele Salons, vorbei an festlich fürs Staatsbankett gedeckten Tafeln und mündete im Amtszimmer des Bundespräsidenten, wo die Kameras des Volkes endgültig in Ekstase gerieten. „Na, das ist doch mal was“, seufzte zufrieden ein Paar, bevor ein Kunsthistoriker in der Uniform eines Kammerherrn am Hofe Friedrichs des Großen die Bilder erklärte. Elisabeth Binder

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