Berlin : Joanna Magdalena Rother (Geb. 1978)

Die Ansprüche sind hoch, vor allem die, die sie an sich selbst stellt

Katrin Wittneven

Joannas elegante Erscheinung hätte an einen Zarenhof gepasst, in einen Tolstoi-Roman. Mit dem hellen Haar, dem Porzellanteint und den himmelblauen Augen schien sie zu leuchten. Sehr sensible Menschen erkannten die feinen Sprünge im dünnen Porzellan, entstanden durch die Traurigkeit, die Depression, die am Ende zu schwer wurde, schwerer als der Wunsch zu leben.

Im 25. Februar 1978 kommt Joanna im polnischen Kielce auf die Welt. Sie ist der Sonnenschein der Familie, an nichts soll es ihr fehlen. Sie ist das einzige Kind in der Siedlung, das echte Barbiepuppen hat. Der Vater bringt sie ihr aus Westdeutschland mit, wo er monatelang arbeitet, bevor er die Familie für ein Wochenende besuchen kommt. Eine Lektion lernt Joanna früh: Du bist etwas Besonderes, aber du musst auch etwas leisten. Die Ansprüche sind hoch, vor allem die, die Joanna an sich selbst stellt. In der Schule ist sie die Beste, die guten Noten teilt sie dem Vater am Telefon mit. Später werden drei Universitätsabschlüsse und zahlreiche Stipendien folgen.

Joannas Heimat ist Europa. Mit Anfang 20 engagiert sie sich in der Vereinigung „Jugend bewegt Europa“, sie lernt Deutsch, Englisch und Niederländisch. Der Dialog ist ihr Antrieb. „Die Welt muss sich ändern … Wir sind die Welt!“, die Worte von Michail Gorbatschow nimmt sie ernst.

Ihre Liebe findet Joanna in Berlin. Im September 2001 lernt sie den Fotografen Stefan Maria Rother kennen. Sie macht gerade ein Praktikum bei der Berliner SPD, es ist Wahlkampf. Bei einer Veranstaltung im Gropius-Bau macht Stefan Fotos. Er verabschiedet sich von ihr mit einem Handkuss – und weiß, dass er sie wiedersehen wird. Schon zwei Tage später begegnen sie sich wieder auf einem Fest. Oft liegen viele Kilometer zwischen ihnen, sie studiert in Warschau Germanistik und an der Leidse-Universität Niederlandistik. Silvester feiern sie an der Ostsee, ein paar Monate verbringt Joanna in Berlin. Aber sie kann sich noch nicht festlegen. Zu vieles scheint in dieser Zeit möglich. Sie bekommt ein Stipendium und zieht für ein Jahr nach Amsterdam. Dann wieder zurück nach Berlin, jetzt zum Studium der Europawissenschaften.

2006 heiraten Joanna und Stefan, 200 Gäste sind da, aus Polen und Deutschland. Das Fest im Kirchgarten fängt gerade an, als ein hellblauer Rolls-Royce in zweiter Reihe parkt. Rolf Eden steigt aus, spielt Akkordeon für Joanna. Sie ist ihm zuvor einmal begegnet, und da hat er ihr das für ihre Hochzeit versprochen. Sie dachte, das sei ein Scherz. Alles ist Zukunft an diesem Tag.

In ihrer großen Wohnung in der Winterfeldtstraße hängen Zeichnungen und historische Fotografien an den Wänden, Joanna liebt Jazz, gutes Essen und ausgewählte Garderobe. Das kann ein goldenes Kleid sein oder ein schwarzes mit einem ihrer vielen farbigen Tücher. Wenn viele Besucher kommen, sind die Möbel schnell zur Seite geräumt. So an Joannas 30. Geburtstag oder bei den Deutsch-Polnischen Salons.

Ihre Karriere behält sie fest im Blick. Sie liest lieber Sachbücher als Romane, schreibt Texte für die „Zeit“ und die polnische Tageszeitung „Dziennik“. Ein Dokumentarfilm über die Judenverfolgung 1946 in Joannas Heimatstadt Kielce entsteht. Seit 2008 ist sie im Vorstand der Jungen Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik – und sie bleibt auf der Suche nach der einen, der richtigen Aufgabe.

Der Druck, der vorher Ansporn war, wird größer, böser. Sie wird unzufrieden, schläft nicht mehr, versucht, die auseinanderdriftenden Fäden ihres Lebens zusammenzubringen. Unruhe und Gleichgültigkeit wechseln sich ab. Schleichend übernimmt die Depression das Zepter. Einige Wochen vor ihrem Tod notiert Joanna: „Die Krankheit ist wie ein Krebs der Seele“.

Bei der Gedenkfeier sind die 300 Sitzplätze der Kapelle dicht besetzt, viele stehen, einige noch vor der Tür. Zwischen den Blumen steht ein Foto aus strahlenden Zeiten. Die Gebete am Grab werden von Baufahrzeugen auf einem Nachbargrundstück gestört, bis jemand die Bauarbeiter bittet, eine Pause zu machen. Dann wird es still. Katrin Wittneven

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