Berlin : Job: Detektiv: "Finden Sie den Mörder meiner Katze!"

Thomas Loy

Es ist eine harte, Zeit raubende, einsame, ja manchmal auch Ekel erregende Arbeit. Sherlock Holmes hätte sie mit Sicherheit ausgeschlagen. Werner Maszlak hat sie sich ausgesucht und wusste von Anfang an: Wie in der kollektiven Vorstellungswelt made in Hollywood wird es niemals sein, so mit vielen schönen Frauen, viel Geld, eiskaltem Pistolenzücken und hitzigen Verfolgungsfahrten. Die Wirklichkeit? Zum Beispiel Mülltonnen, in denen interessante Kontonummern und Überweisungsträger verschimmeln. Also Plastikhandschuhe überziehen, reingreifen und dumme Sprüche ignorieren. Jeder Hollywood-Produzent würde solche Bilder aus seinem Werk herausschneiden.

Ein Film-Detektiv sucht wichtige Unterlagen immer dort, wo sie hingehören: im Schreibtisch des Chefs. Nur ist Einbrechen ziemlich aufwändig und illegal - im Müll herumwühlen kostet dagegen nur Überwindung. Vor rund 15 Jahren machte sich Maszlak in der Hauptstadt selbstständig. "Detektiv des kleinen Mannes" steht in den Gelben Seiten. Soll heißen: Einen professionellen Informationsbeschaffer braucht jeder mal im Leben, wie einen Klempner oder Kfz-Mechaniker. Eine ganz normale Dienstleistung also, zu haben für rund 100 Mark die Stunde - alles inklusive. Zum Schluss gibt es für den Kunden einen sauber getippten Bericht. Maler oder Schreiner nehmen zwar weniger Geld für die Arbeitsstunde, aber dafür kostet bei Maszlak die Anfahrt nichts extra.

Das Geschäft läuft, doch. Es rufen viele an, das schon. Aber viele legen auch schnell wieder auf, wenn der Detektiv über den Daumen peilt, was es wohl kostet, eine alte Schulfreundin aufzutreiben, ohne Adresse, womöglich verheiratet. Oder den Giftmörder einer Hauskatze zu finden. Sowas macht Maszlak auch, wenn es der Markt verlangt. Neulich siebte er aus 1,7 Millionen Berlinerinnen eine "Martina" heraus. War letztlich ganz einfach. Der Kunde hatte die junge Frau nach Britz mitgenommen, aber vor lauter Liebe auf den ersten Blick die entscheidenden Fragen vergessen. Maszlak hängte einfach Suchplakate im Viertel auf - vier Wochen später rief "Martina" an.

Niemand denke jetzt, Maszlak sei ein "kleiner Detektiv". Er hat schon größere Sachen gestemmt. Gerade läuft eine Affäre im diplomatischen Milieu. Da hat sich jemand nach Betrügereien aus dem Staub gemacht. Mehr dürfe er nicht verraten. Die Kripo sei auch dran. Fast jeden Tag macht der Privatdetektiv seine Runde zur Botschaft, um nach dem Auto des Flüchtigen zu sehen. Dann weiter zur nächsten Postfiliale. Dort hat der Betreffende ein Schließfach. Maszlak kontrolliert, ob das Stückchen Streichholz, das er ins Schloss gestopft hat, noch da ist. Es ist. Die Post wurde also noch nicht abgeholt. Vielleicht sollte man den Abhol-Druck erhöhen und mit eigenen Sendungen das Fach zum Überlaufen bringen? Mal sehen.

Detektiv sein heißt, Ideen zu haben. Und: nicht aufzufallen. Maszlak sieht aus wie Maszlak: schwarz-dunkelgrün-kariertes Hemd, Stoffjacke, silberne Brille, Bart und bauschiges Nackenhaar. Das Gesicht eines wohlgenährten, gutmeinenden Menschen. Passt ausgezeichnet zum Kurierfahrer, den er öfters schauspielt. Natürlich würde er auch im Anzug erscheinen, wenn die Lage es verlangt. Einmal sollte er für eine Elektrofirma der Spielleidenschaft eines Mitarbeiters nachgehen. Ein solider Auftrag. Zudem einfach zu bewältigen. Nur leider traute der Mandant ihm nicht zu, in der Spielbank den gut situierten Nadelstreifen-Zocker zu geben. Das ärgert ihn bis heute.

Ein Detektiv braucht nicht unbedingt ein Auto, erklärt Maszlak. Manche Verfolgung erledige sich besser auf dem Fahrrad oder per U-Bahn. Auch sowas blende das Kino einfach aus. Maszlak trampelt gerne auf gängigen Klischees herum, köchelt sein Süppchen lieber auf kleiner Flamme. Doch ganz ohne Auto kommt auch er nicht aus. Seines ist ein Kramladen. Die hinteren Sitzbänke fehlen. Dafür sind Verkehrshütchen, Kurier-Schild und einige Decken erkennbar. Bei Observationen über 16 Stunden, non stop (mal von den Pinkelpausen abgesehen), wird es unangenehm kühl.

Maszlak war mal Polizist, auf Wachdienst in Tiergarten, aber das ist lange her und überhaupt eine "lange Geschichte". Sein kriminalistischer Instinkt bei der Suche nach gestohlenen Motorrädern sei immer wieder gebremst worden. Ein Rädchen im System wollte er nicht länger sein, da habe er eben das Weite gesucht. Der Detektiv mit Polizeivergangenheit - das passt ins Klischee. Aber die Kontakte zu den offiziellen Fahndern seien nicht halb so gut, wie es Matula & Co. dem Fernsehvolk ständig vorgaukeln würden. Bei stetem Erzähl- und Fahrtempo sind wir in einer ruhigen Wohnstraße in Lankwitz angekommen. Hier geht es um einen klassischen Fall betrogener Liebe. Der Kunde weiß, dass seine Freundin noch einen Zweiten hat, aber er will es noch genauer wissen. Warum er sich das antut? Sowas muss ein Detektiv nicht ermitteln. Inzwischen gibt es Fotos der Freundin "in eindeutiger Stellung". Er soll herausfinden, wo sie aufgenommen wurden. Die Wohnung des Zweiten kennt der Detektiv inzwischen, aber nur von außen. Mit dem Teleobjektiv vom Treppenhaus auf der gegenüberliegenden Seite war nichts zu machen. Er muss irgendwie hereinkommen. Maszlak spielt wieder den Kurier, grüßt die Nachbarn, klingelt im zweiten Stock, doch niemand macht auf. Er zieht eine dünne Holzlatte aus seiner Plastiktüte. Sieht völlig unverdächtig aus, ist aber die Spezialkamera. Am unteren Ende sitzt die Kleinkamera auf einer Metallschiene. Drückt man mit der Latte auf die Kamera, wird ausgelöst. Es gibt nur ein entscheidendes Problem: Die Konstruktion passt nicht durch den Türschlitz.

Also Plan B: Maszlak wirft einen großen Briefumschlag herein und einen handschriftlichen Zettel gleich hinterher. "Leider eine Verwechslung. Bitte um Rückruf, wann wir die Sendung wieder abholen können." So besteht eine realistische Chance, dass sich der Zweite mal bei Maszlak meldet. Und eine etwas kleinere Chance, tatsächlich in die Wohnung zu kommen. Da wäre dann auf ein Teppichmuster zu achten, das auf den Fotos mit der eindeutigen Stellung zu sehen ist. Vielleicht ließe sich ein Foto machen ... Ein Detektiv braucht auch etwas Glück.

Für heute ist der Außendienst erledigt. Spektakulär war der Tag nicht; das hätte auch nur dem Klischee gedient. Die meiste Zeit sitzt Maszlak sowieso gänzlich unspektakulär am Telefon, um Behörden auszufragen. Und dann die Aktenarbeit. Stundenlanges Suchen in alten Telefonbüchern, Grundbüchern oder dem Handelsregister. Fleißarbeit, für die Film-Detektive sich zu schade sind. Gelegentlich lässt Maszlak seine Mandanten sogar "unter Anleitung" mitarbeiten, um das Honorar niedrig zu halten. Maszlak opfert sich für seine Arbeit. 24 Stunden am Tag ist er erreichbar, selbstverständlich auch am Wochenende.

"Detektiv des kleinen Mannes." Das klingt ein bisschen wie "Detektiv Rockford - Anruf genügt." Nein, Maszlak hat nicht ganz den Charme von James Garner, aber die gleiche Einstellung zum Beruf. Der Detektiv als Menschenfreund, mit viel Verständnis besonders für geschundene Frauenseelen. 70 Prozent seiner Kundschaft sind Frauen, weil sie in Beziehungen häufiger Opfer sind, sagt Maszlak. Weil er sich so intensiv für andere Frauen einsetzt, zieht seine Frau gerade aus. Ähnlich erging es einst Jim Rockford. Ein Trost ist das allemal.

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