Berlin : Jobst Bob Müller (Geb. 1956)

Komische Situationen entgehen ihm nie.

Tatjana Wulfert

Kisten und Koffer in jedem Raum. Jobst schaut sich um, zum zweiten Mal wird er fortgehen aus Halle, der Stadt, in der vor 52 Jahren seine Reise begann. Endlich führt sie ihn nach Berlin.

Vor 52 Jahren kam Jobst zur Welt, in eine unruhige, angespannte Welt. Vor 48 Jahren warnten Freunde seine Eltern: „Es wird Zeit abzuhauen, eure Akte ist zu dick.“ Die Eltern, sogenannte Burgleute, frei denkende, nicht mundtot zu machende Künstler von der Burg Giebichenstein, packen die Koffer und gehen nach Wolfenbüttel, später nach Braunschweig. Doch Braunschweig ist für Jobst nur ein Umweg auf der Reise, nach Hamburg zieht er, beginnt ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste.

Figuren erfinden, zeichnen, beleben, davon träumt Jobst. Schon 1969 dreht er mit seinem Vater Zeichen- und Puppentrickfilme mit einer Super-8-Kamera. Aber einen Studiengang für Animation gibt es nicht in Deutschland.

Jobst hört von der Ecole des Gobelins in Paris. Die Aufnahmebedingungen sind hart: Nur 16 Plätze pro Jahr werden vergeben, die Hälfte davon an Ausländer, noch nie an einen Deutschen. Jobst hatte stets eine Fünf in Französisch. Also setzt er sich hin und lernt sechs Wochen lang Vokabeln, schickt eine Mappe nach Paris und erhält 1979 als erster und einziger Deutscher einen Studienplatz.

Halle, Wolfenbüttel, Braunschweig, Hamburg und jetzt Paris, als wäre die Straße nach einigen Windungen angelangt an einem Ziel. Später wird Jobst sagen, er fühle sich manchmal wie Buster Keaton, wie einer, der in Situationen gerät, ohne zu wissen, wie und warum.

Die Situation jetzt in Paris ist eine gute Situation, könnte besser nicht sein, beruflich, auch privat. Jobst ist für die meisten Trickfilme im französischen Fernsehen verantwortlich. Die Asterix-Filme gestaltet er mit, er dreht Werbefilme, entwickelt ein katzenartiges, schwarz-weiß gestreiftes Wesen, Zig Zag, das jedes französische Kind kennt. Für die Serie „L’île aux ours“, übersetzt in sieben Sprachen, schreibt er die Storyboards, gestaltet Layouts für „Wacky World of Tex Avery“ und „Urmel aus dem Eis“. Illustriert Pixi-Bücher. Schreibt für „Titanic“ und „Pardon“.

Er heiratet Marianne, bekommt mit ihr Melissa und Max. Kauft ein Haus am Stadtrand von Paris, frei stehend, gegenüber einer tausendjährigen Kirche, mit einem verwilderten, verwinkelten Garten, in dem er aus Baumstämmen, Wurzeln und verwitterten Metallteilen Plastiken schafft, die Regenfrau, die jeden Betrachter aus einem Wasseruhrauge mustert.

Immer findet Jobst einen Stift, einen Schnipsel Papier, zeichnet auf die Rückseite einer Brötchentüte einen Witz, notiert einen Kommentar, komische Situationen entgehen ihm nie, Halt macht sein Humor vor kaum etwas.

Humor, den Jobst braucht. Der Weg wird schmaler, biegt dann ab. Der Trickfilm befindet sich in einer Krise. Marianne und Jobst gehen fort voneinander. Jobst zurück nach Halle, unfreiwillig, widerstrebend, in Halle gibt es Arbeitsmöglichkeiten. Geht mit Selom, der neuen Frau, Keanu, dem gemeinsamen Sohn.

Allmählich wird der Weg wieder gerader. Der Trickfilm erholt sich. Jobst erkrankt. Schwer.

„Ich bin beim Chef“ steht auf der Todesnachricht. „Der Chef“, seine beste Figur, ein wüster Kerl, der laut streitet mit seiner Frau, ab und an auf die Erde schaut, sein Werk zu begutachten. Vielleicht, heißt es in der Trauerrede, wollte dieser Kerl da oben den Zeichner dort unten mal persönlich kennenlernen.

Die Kisten und Koffer werden ausgepackt, in Berlin, in der neuen Wohnung, ohne Jobst. Tatjana Wulfert

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