Berlin : Jochen Berg (Geb. 1948)

Wer gut unterwegs ist, der verrennt sich.

Peter Wawerzinek

Es heißt, die guten Dichter sterben früh. Es heißt, die früh gestorbenen Dichter hätten ihr Leben nicht vollenden können. Man redet nicht gern vom Scheitern in der Kunst. Man hilft sich aus. Man sucht angenehmere Antworten und weiß, dass man das Wesentliche aller Kreativität verdrängt. Man hütet sich vor dem Gedanken daran, das Scheitern als Lebenssinn zu sehen.

Der Tod eines Dichters beweist, dass der Dichter auch nur ein Mensch war, sterblich wie alle. Was bleibt, ist das dichterische Werk. Und das bleibt stets unvollendet. Es sollte ohne Ansehen des Sterbefalles heißen: Dichter sterben immer zu früh. Das Gesamtwerk wird nicht erreicht.

Wer gut unterwegs ist, der verrennt sich. Glücklich, wer eine brauchbare Vision hatte, die über dem Scheitern prunkt.

Denn der Tod kommt. Der Tod ist gerecht, er kennt keine Ausnahme, nimmt König und Dichter und Steuerfahnder gleichermaßen vom Brett. Wie nah der Dichter dem Kuckucksheim in sphärischen Wolken auch kommt, der Tod macht den Schnitt, das Scheitern wird in seiner Vielfalt, Güte und Größe offenbar.

Es ist immer auch Wehleid im Spiel, tritt ein Dichter so auf sich bezogen ab, im Groll mit der Welt. Nahezu unbemerkt und für sich allein wie Jochen Berg, der einzig für den Zuschauerraum und die Bühne gelebt hat und dann einfach so abgeht, ganz ohne Applaus.

Man nennt Leute wie Jochen Berg Theatermänner, Dramatiker. Er mochte das alles nicht hören. Es verwies lieber auf die Fakten der Herkunft in seinem Leben, auf die Wege von da nach dort, die wesentlich Schuld am schönen Scheitern tragen, wo von Interesse bleibt, wie einer zu dem wird, wozu er sich eisern formt. Und da ist Jochen Berg nunmal zu allererst 1948 im Harz geboren, hat eine Mechanikerlehre bestanden, ist Krankenpfleger geworden, als solcher nach Ost-Berlin gekommen. Wo er von 1969 bis 1971 immerhin eine Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule absolvierte, um daran anschließend exakt jene Zeitspanne Transportarbeiter und Requisiteur zu sein, die es für den folgenreichen Entschluss braucht, künftig eine Existenz als freiberuflicher Schriftsteller zu fristen.

Harte Arbeit ist das Scheitern. Man muss viel lesen, lernen, an sich erfahren. Muss hinter die Dinge steigen, Verbindungen knüpfen, nie Gedachtes denken, Unformuliertes sagen. Man muss Ideen austragen, an Irrsinniges glauben und es verwerfen. Man wird vorstellig. Man kommt an Orte der Aufführung. Man trifft auf Leute, muss sie für sich gewinnen, mit hineinziehen, überzeugen. Sonst kann man nicht, wie Jochen Berg schließlich von 1974 bis 1991, Hausautor am Berliner Deutschen Theater sein. Er hat in seiner Ära viele schöne Texte geschrieben, die wie Blumenerde abgepackt beiseitegelegt wurden.

Mit der Freiheit nach dem Mauerfall kam seine Kündigung am Theater. Berg hat es hingenommen im Wissen, dass seine Stücke, gespielt oder nicht, bleiben. Sie hießen so: Strephart. Niobe. Klytaimestra. Iphigeneia. Tetralogie. Die Engel. Fremde in der Nacht. Tagesarbeit. Titel wie sie auch der Dramatiker Heiner Müller erdacht haben könnte, dem Jochen Berg sehr ähnlich sah. Die Hornbrille. Die feingeschnittene Nase. Das Haar streng nach hinten gekämmt. Zigarrenrauch und Whisky. Die betont ruhige Art beim Sprechen. Das Lachen. Die Klugheit. Pech nur für den einen, dass es den anderen schon gab und mit ihm dessen großen Schatten.

Der Berliner Basisdruck-Verlag mit seinen Zeitschriften „Sklaven“ und „Gegner“ hat sich um Jochen Berg verdient gemacht. Um den Feingeist, von dem es heißt, er wäre in der sterbenden DDR zu sehr Romantiker gewesen, um in der BRD als Klassiker Erfolg zu haben. Auf heutigen Bühnen wären die Stücke Bergs verschüttete Milch. Das Theater, welches Wert auf exakte Sprache legte, um Berg aufführen zu können, müsste erst noch erbaut werden.

Berg sagte ganz nebenbei, dass er Hausautor am Deutschen Theater war – und im Geiste ewig blieb. Ein Ding für sich genommen bleibt die Tatsache, dass er siebzehn lange Jahre Stücke schrieb, ohne dass je eines davon am eigenen Haus gespielt wurde.

Unvorstellbar, denkt man? Nein. Es herrschte DDR, und das kam dann davon, wenn einer eine Haltung einnahm, Wahrheiten aussprach, die ein Dramatiker vertreten mochte, doch aber kein so wichtiges Theater! Er immerhin blieb unter Seinesgleichen ein geachteter Mann. Woraus zu lernen ist, wie sehr die Haltung des Einzelnen allemal ein Bestandteil der großen Ensemblekunst ist.

Oh ja, er hat darunter gelitten, dass keines seiner Stücke in der DDR aufgeführt wurde. Anmerken ließ er es sich nie. Diese Genugtuung gönnt man den Gegenspielern nicht. Er hat sich abgelenkt, sprich, er hat sich in andere Schreibübungen vertieft, Gedichte, Essays, Radiofeatures. Einige davon sind sogar gedruckt und gesendet worden, damals in seinem Land. Hin und wieder mag es auch Grund zur Freude gegeben haben, wenn ein Stück immerhin im Westen auf die Bühne kam, und als es die DDR nicht mehr gab, auch mal im Osten. Aber wie selten war das!

Leben ist Theater. Theater ist nicht ganz wie das Leben. Oft genug hinkt es den Theatervorgaben hinterher. Berg nahm die Passanten auf der Straße als Schauspieler wahr, als hätte er den Fußgänger selbst erfunden und als Figur ins Leben gesetzt. Er begegnete seinen Titelhelden im Leben und lächelte sie an.

In der Rykestraße, Prenzlauer Berg wohnte er bis zu seinem Ende. Erster Stock mit Balkon. Hat dort ganz gern in der Sonne gesessen, Zeugs und Zeitungen gelesen, wie er sagte. Balkon mit schönem Ausblick auf den Wasserturm. Das einzige Haus der Straße, das bis heute nicht renoviert worden ist, weil (da dürfen wir uns sicher sein) Jochen Berg in ihm lebte, streng darauf bedacht, die Sanierungsversuche allesamt abzuschmettern.

In seinem Schlafzimmer standen ein Bett und ein Stehpult. Mehr nicht, fragt man und bekommt gesagt: Doch alles! Denn auf dem Stehpult lag aufgeschlagen das überdimensionale Buch aller Bücher: „Zettels Traum“ von Arno Schmidt. Dass er dieses Werk für sich entdeckt hat, sagen engste Freunde, sei der wahre Grund, warum er in den letzten Jahren häufiger in seinem Zimmer blieb.

„Zettels Traum“, der papierne Dauergast in seinem Haus. Ein ewigsprudelnder Brunnen, für den Normalverbraucher kaum zu verstehen und viel zu dick, das Buch. Über das Werk fand der Berg zu Schmidt und Schmidt fand zu Berg. Einer nicht minder belesen als der andere. Beide über alle Maßen besserwisserisch und eigenbrötlerisch und unerhört schöpferisch. Es waren einst zwei Giganten / die sich nicht persönlich kannten / und doch über die einende Schrift zueinander fanten, frohlockte Berg an seinem Pult, wenn er wieder ein Stück von der Klugheit zu sich genommen hatte. Das kleine, tägliche Monumentale zur Gutenacht, so umfangreich wie kein Leben. Dichtung, Erzählung und Theorie in einem und keinem. Und in einem war sich Jochen Berg ganz sicher: Das in zehnjähriger Arbeit mit Hilfe überquellender Zettelkästen komponierte Buch zielte in seiner bewussten Anspielung allein auf ihn, den traumgewinnenden Theatermann. Dieser Weber namens Zettel aus Shakespeares Mittsommernachtstraum war Bergs erste Theaterfigur. Berg fand Zettel nicht nur sehr glaubwürdig, Berg verstand Zettel. Zettel hat sein Schreiben auf die Beschäftigung mit der griechischen Antike gelenkt. Von Freud kam die Traumdeutung dazu. Schmidt brachte Berg bei, wie sehr der Punkt eine Fläche ist, Momente splittern, Bruchstück werden im Mörser voller Staub und Szenen, Sätzen und Zeichen. Einfallsreich sein, witzig auch, nie aber ernsthaft unterhaltsam.

Wenn man sie hören wollte, die acht Titel des Bücherbuches, sofort und jederzeit sprang Berg auf und nannte sie: Das Schauerfeld, oder die Sprache von Tsalal. In Gesellschaft von Bäumen. Dän''s Cottage; (ein Diorama) sic. Die Geste des Großen Pun. Franziska - Nameh. ''Rohrfrei!''. The tw/oilit of the Guts. Im Reiche der Neith. Sagte es, setzte sich und lehnte sich zurück. Und dann folgte langes Schweigen. Dieses Schweigen hat er mit in den Tod geführt. In dem Stück Klytaimestra lässt Berg einen einfachen Soldaten das aussprechen, was für seine gesamte Dichtung stehen mag: mein auge sieht ungewohntes. ich frage nicht. wer fragt hat das los der antwort auch zu tragen. in vielen jahren sind viele hoffnungen gescheitert. alle hoffnungen sind ein schnelleres ermüden. auf etwas zu hoffen das es nicht gibt ist bessere Zukunft. das hoffen erledigt sich schneller oder nie. beides ein vorzug. Peter Wawerzinek

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