Berlin : Jörg Tatarczyk (Geb. 1967)

Ein Grenzgänger. Wenn es schwierig wurde, zog er sich schnell zurück

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Von ihrem Vater hat Carlotta einen Koffer geerbt. Es ist kein Koffer voller Geld, dafür steckt ein ganzes Leben drin. Fotos natürlich und auch Filmaufnahmen, Bücher, Dokumente eines bewegten Schauspielerlebens. Sie berichten von einer Zeit, in der Carlotta ihren Vater kaum kannte. Bis vor drei Jahren war das so. Carlotta erinnert sich, wie sie als kleines Mädchen auf seinem Schlagzeug getrommelt hat, um ihn zu wecken. Aber das ist lange her.

Auf einem der Fotos aus dem Koffer sieht man ein junges Paar auf einer Wiese, er mit Clownsblick und Strubbelhaar, sie stolz mit Babybauch. Nach einer Operation dachte Jörg eigentlich, er könne keine Kinder zeugen, so hatte man es ihm erklärt. Während eines Dänemark-Urlaubs mit seiner Freundin war es dann doch passiert, und für beide war klar, dass sie dieses Kind wollten.

Jörg liebte Punkmusik und alte schnelle Autos. Seine sahen toll aus, und sie fielen allesamt nach kurzer Zeit auseinander. Er spielte Schlagzeug, Akkordeon und Mundharmonika. Und er arbeitete in der Betreuung behinderter Menschen. Es war diese Arbeit, die ihn zum Theater führte. In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg hat das Theater Rambazamba seine Bühne, auf der hauptsächlich Schauspieler stehen, die ein geistiges Handicap haben. Das hatte Jörg zwar nicht, aber nach einem Praktikum blieb er dort, als Musiker, Mitspieler und Mädchen für alles.

Zwei Ausbildungen machte er, zum Erzieher und zum Regisseur, er nahm die Arbeit sehr ernst und hatte ein großes Herz für die Menschen, die nicht ganz den Normen des „Normalen“ entsprechen. Und er war zu Wut und Jähzorn fähig, wenn er Ungerechtigkeit, Profitgier oder schlechten Umgang mit den Schwachen witterte.

Jörg wohnte in WGs, oder wo gerade eine Wohnung frei war. Er knüpfte schnell Kontakte, war witzig, kein Scherz auf seine eigenen Kosten, keine alberne Verkleidung war ihm zu peinlich, wenn die Leute nur darüber lachten. Aber wie jeder gute Clown hatte er Probleme, echte Gefühle auszudrücken, zumal seine Gefühle auch rasant wechseln konnten. Er war ein Grenzgänger, anstrengend, oft unberechenbar, und wenn es schwierig wurde, zog er sich schnell zurück. Als er den Satz hörte: „Ich liebe dich, aber es geht nicht“, sah er das sofort ein und ging.

Auch im Theater gab es immer neue Anläufe, mit seinem Freund Steffen schrieb er Stücke, bastelte an Improvisationen aus Gesang, Musik und Schauspiel, versuchte eine „Theater-Soap“ mit ganz eigenem Humor. Wer im Internet nachschaut, an welchen Orten er in den letzten Jahren gespielt hat, hört bald auf zu zählen. TIK-Theater, Varia Vineta, Teatrum VII, Volksbühne, Theater der Letzten.

Wie ihr Vater auf der Bühne kämpfte, strahlte und lebte, weiß Carlotta nicht nur durch die Bilder aus ihrem Koffer, sie war zuletzt auch oft dabei. Sie hatten sich wiedergefunden, als sie ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Skate- und Snowboardfahren entdeckten, sie unternahmen Reisen und lernten sich kennen, drei Jahre lang.

Es geschah im Sommerurlaub zum 16. Geburtstag von Carlotta. Mit Zelt und Auto fuhren sie nach Italien, einmal den Stiefel hinunter und wieder hinauf. Die alten Städte, Strand, Pizza und Gelati. Rom hatten sie gesehen, am Meer gecampt und zwei Tage vor dem Geburtstag Florenz erreicht. Die Fahrt durch die Berge, die endlosen Serpentinen hatten Jörg erschöpft. Carlotta ließ ihn am Morgen etwas länger schlafen in seiner Hängematte vor dem Zelt. Als sie ihn wecken wollte, waren seine Lippen grau, seine Hände kalt und weiß. Herzversagen.

Viele konnten die Nachricht von Jörgs Tod nicht glauben, sie waren sicher, dass es sich um einen seiner sonderbaren Scherze handelte.

Wenn ein Mensch im Ausland stirbt, ist manchmal einfach niemand zuständig, keine Botschaft und kein Auswärtiges Amt. Fehlt ein volljähriger Angehöriger, ist eine Überführung in die Heimat Glücksache. Im Theater sammelten die Freunde Geld und holten Jörg Tatarczyk heim. Er war ein Mutmacher, einer der auch in der düstersten Stunde noch einen Scherz fand, selbst oft haltlos, für viele andere ein Halt. Sebastian Rattunde

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