Berlin : Johanna Lukaschik (Geb. 1956)

Hat er tatsächlich bernsteinfarbene Sprenkel um die Pupillen?

von

Siehst du diesen Baum dort, Hannachen? Ja, genau, den hinter der Platane. Das ist eine Robinie.“ Der Großvater nimmt das Mädchen bei der Hand, sie laufen einen Hang hinab, vorbei an der Platane, Johanna streift im Vorübergehen mit ihrer Hand über die blättrige Borke, dann bleiben sie stehen. Der Großvater reckt sich ein wenig, pflückt behutsam ein Blatt. „Die Robinie“, erläutert er, „heißt auch Falsche Akazie, eine Mimikryakazie gewissermaßen. Weißt du, was das ist, Mimikry?“ Johanna schüttelt den Kopf. „Sich verkleiden, tarnen. Und dann auch immer der prickelnde Moment, die Tarnung, all die Überraschungen in dieser vielfältigen Welt zu enthüllen.“ Sie laufen weiter, Krähen picken in Feldfurchen, Saatkrähen, sagt der Großvater. Ein Pfauenauge flattert vor ihnen. „Das nächste Mal erzähle ich dir von der Metamorphose, Verwandlung ist etwas Wunderbares.“ Inzwischen sind sie zu Hause angelangt, wo Johanna das Robinienblatt in ihr Herbarium legt.

Zu ihrem 13. Geburtstag schenkt er ihr eine Kamera. Streifen sie jetzt durch die Wiesen, die Wälder, spricht der Großvater von Blende, Brennweite und Belichtungszeit. Johanna fotografiert zwei Birken, die aus einer silbrig glänzenden Pfütze ragen, ihre Zehen, auf denen sich eine Libelle niedergelassen hat, die Lichtpunkte in einem Regentropfen, der gleich von einem Grashalm fallen wird. Später setzt sie sich mit dem Großvater in die Küche, die er für heute zur Dunkelkammer umfunktioniert hat, und vor ihren Augen erscheinen nach und nach die Konturen der Bilder.

Zu ihrem 15. Geburtstag schenkt er ihr „Moby- Dick“. Johanna blättert das Buch auf: „Nennt mich Ismael.“ Was für ein erster Satz. Er hat nicht das Geringste mit den Juttas und Monikas der Mädchenromane, die sie bisher verschlungen hat, zu tun. Nennt mich Ismael. Sie beginnt zu lesen, sie versteht kein Wort, aber der Zauber wirkt. Sie wird diese „Moby Dick“-Ausgabe in jede ihrer Wohnungen stellen und immer wieder aufschlagen, sich erneut vertiefen, nie wird der Zauber nachlassen.

Johanna notiert all diese Details in Tagebücher, auf die sie „journal intime“ schreibt, sie hat dieses Wort in einem französischen Film gehört. Die Idee mit den Tagebüchern, in bordeauxrote Pappdeckel gebundene A5-Hefte, war die der Mutter. Schreib auf, was du siehst, was dir durch den Kopf geht, hatte sie gesagt und gehofft, auf diese Weise auch den blinden Fleck, die Abwesenheit des Vaters, seinen Tod ein Jahr nach Johannas Geburt, ein wenig heller, durchscheinender werden zu lassen. Und Johanna beginnt, die Hefte zu füllen, schildert die Naturpromenaden mit dem Großvater, gibt wieder, was die Mutter über den Vater erzählt („Bernsteinfarbene Sprenkel um die Pupillen, genau wie du. Ein begabter Bratschist, doch reichte die Zeit nicht, sein Talent zum Blühen zu bringen“), malt in der Fantasie ihr eigenes Bild von ihm. „Geschwister wären schön“, schreibt sie, „ein Bruder vielleicht, etwas älter als ich, aber nicht zu alt, meine Gesichtszüge, meine Bewegungen, eben nur in der Jungenvariante, wie Papa, als er jung war.“

Mit 18 bricht das Tagebuch ab. An dem Tag, an dem sie sich in den Zug nach Berlin setzt, um dort zu studieren. Sie hatte lange geschwankt: Biologie oder doch Englisch und Deutsch. Sie entscheidet sich für die Sprachen. Stunden nach den Seminaren sitzt sie noch in der Bibliothek, die Bücherstapel wachsen, Melville und Heine, Rorty, Blumenberg und Thomas Mann. Sie beginnt, die erforderlichen Arbeiten abzufassen, schafft ein paar Seiten, gibt auf, versucht es erneut, bringt einen Text zu Ende, scheitert beim nächsten. Liest irgendwo das Wort Wissenschaftsverluderer. Nimmt das Tagebuchschreiben nach vier Jahren wieder auf. Fängt abermals an zu fotografieren, will diese kostbaren Momente einfangen, wie damals mit dem Großvater. Dilettantisch eingefangen, denkt sie, Banalitäten, und legt die Filme unentwickelt in eine Schublade. Sie meldet sich an der Uni ab, arbeitet als Garderobiere im Theater, als Sekretärin in einem Verlag, als Mädchen für alles in einer Galerie. Sie treibt durch die Berliner Nächte mit Frauen, mit Männern. Zwei Mal zieht sie mit einem Mann zusammen, zwei Mal werden die Streitereien unerträglich.

„Geschwister wären schön, ein Bruder“, schreibt sie wieder in ihr Tagebuch. Tritt eines Morgens an die Brüstung ihres Balkons und bemerkt eine Fliege, die eine Wespe imitiert. Sie denkt an die fernen, so nahen Kindheitssommer und begreift plötzlich, dass sie der unaufhaltsam verstreichenden Zeit nur trotzen kann, wenn sie nicht an starren Mustern festhält, sondern bisweilen den überraschenden Richtungsänderungen, die das Leben bereithält, folgt. Und dann dieser Zufall, es erscheint ihr fast banal: Sie trifft einen Mann, sie schaut in seine Augen. Hat er tatsächlich bernsteinfarbene Sprenkel um die Pupillen? Die Liebe ist berauschend und sanft und heiter. Sie streifen durch die Wiesen, die Wälder um den Schwielowsee und die Müritz, sie reisen in die Provence und nach Jerusalem. An allen Orten fotografiert Johanna.

Eines Morgens spürt sie einen ziehenden Schmerz im linken Arm, der Schmerz nimmt zu, sie kommt ins Krankenhaus, die Ärzte versuchen, ihr Herz zu retten, aber sie können es nicht retten.

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