Berlin : Johanna Striehles (Geb. 1925)

Um ihre Fingerkuppen hatte sich eine Schicht aus Horn gelegt.

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Im eigentlichen Sinn vollkommen konnte man ihre Hände nicht nennen. Dazu waren der Handrücken etwas zu breit, die Finger etwas zu kurz. Dennoch schauten die Menschen gebannt auf diese Hände, die sich rasch aber nicht hastig hin und her bewegten. Wenn sie den Faden durch das enge Nadelöhr führte, wenn sie mit wenigen sicheren Stichen einen Saum heftete, wenn sie den Saum mit vielen feinen Stichen, deren Abstände einander genau glichen, vernähte, wenn sie am Ende mit ihren Händen, die selbst im Sommer blass blieben, über das fertige Kleidungsstück strich.

Die erste Hose nähte Johanna für Fritz. Im August 1945 war er zurückkommen aus dem Krieg, stand vor ihr in dieser schmutzigen, zerschlissenen Uniform. Johanna verbrannte sie im Wald, legte eine Scheibe Speck und die letzten Eier in einen Korb, lief zum Schwarzmarkt und erstand ein Stück schweren schwarzen Stoffes. Schwarzen Faden hatte sie nicht, aber die Hose gelang.

Immer geschickter wurde sie, nähte für Fritz eine Jacke zur Hose, eine Bluse für sich selbst, ein Kleid. Das Oberteil des Kleides entnahm sie ihrem zu kurz gewordenen Konfirmationskleid, für das Unterteil verwendete sie eine Tischdecke mit buntem Blumenmuster. Unerreichbar jedoch blieben echte Nylonstrümpfe mit Naht, die das Kleid erst perfekt gemacht hätten. Johanna half sich auch hier, verrieb Kaffeesatz oder Schminke auf den Beinen, malte die rückwärtige Naht mit einem Augenbrauenstift auf. In heißen Sommertagen verlief die Schminke und beschmutze den Rocksaum, wenigstens aber verrutschte die Naht nicht.

Als kurz nacheinander die zwei Kinder kamen, fertigte Johanna Hemdchen und Jäckchen und Miniaturmützen, saß mit gewölbtem Bauch in der Neuen-Krug-Allee am Plänterwald am Küchentisch unter einer funzeligen Lampe und setzte einen Stich an den nächsten.

Als die Kinder aus dem Haus waren, pachteten Johanna und Fritz ein Grundstück inmitten hoher Kiefern auf sandigem Waldboden in der Nähe von Königs Wusterhausen, bauten darauf einen flachen Bungalow, pflanzten Himbeersträucher und Rhododendron, legten einen Rosengarten an, saßen am Abend auf der schmalen Terrasse vor dem Haus und waren froh. Über Johannas Handflächen liefen jetzt oft kleine blutige Risse von den dornigen Rosen, um ihre Fingerkuppen hatte sich eine Schicht aus Horn gelegt, um den Faden in das enge Nadelöhr zu führen, brauchte sie zwei, drei Versuche. Aber sie lachte darüber. Die Kinder schenkten ihr eine Nähmaschine. Sie kaufte nun Zeitschriften mit Schnittmusterbeilagen, nähte ihren Kindern all das, was in der DDR nicht zu bekommen war.

Eines Mittags aß sie mit Fritz an einem Campingtisch auf der Wiese zu Mittag, und plötzlich, ohne jedes ankündigende Zeichen, kippte er um mit seinem Campingstuhl und lag im Gras. Die Nachbarn fuhren ihn ins Krankenhaus. Ein Schlaganfall. Die Worte fand er nur noch schwer, der rechte Arm und das rechte Bein erschlafften. Ein zweiter Anfall kam. Dann starb er.

Johanna kaufte einen leichten schwarzen Stoff, schwarzes Garn, mit Seide bezogene Knöpfe und nähte eine Hose und eine Jacke. In dieser Hose und in dieser Jacke wurde Fritz zu Grabe getragen.

Einige Jahre noch pflückte Johanna die Himbeeren, beschnitt die Rosen, saß auf der Terrasse, die Hände reglos im Schoß. Dann packte sie einige Fotos und Bücher zusammen, verschenkte die Nähmaschine an die Nachbarn und ging in ein Altenheim, nah am Plänterwald gelegen. Ihre Hände zeigten keine Risse mehr, die Schicht aus Horn um ihre Fingerkuppen verschwand. Einen Faden führte sie nie wieder durch ein Nadelöhr. Tatjana Wulfert

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